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Autismus-Spektrum-Störung: Wie ich versuche, mein Kind zu verstehen.

Autismus-Spektrum-Störung: Wie ich versuche, mein Kind zu verstehen.

Persönlichkeit

10-2024

In dieser Artikelserie stelle ich Menschen vor, die mit viel Liebe und Leidenschaft das Leben unserer Kinder verbessern. Nach den bedrückenden Ereignissen des Jahres 2020/21 ist mir umso mehr aufgefallen, wie viel Gutes es doch auf dieser Welt gibt – und dass es bei allen erschütternden Nachrichten auch immer Helden gibt, die sich direkt ins Geschehen stürzen, um gerade den kleinen Menschen in unserer Mitte zu helfen.

Diese Alltagshelden haben manchmal Arztkittel an, manchmal schreiben sie (noch) mit Kreide auf Tafeln und manchmal nennen wir sie ‚Mama‘. Doch bei allen Unterschieden haben sie eines gemeinsam: Eine unermüdliche Leidenschaft dafür, Kindern mit viel Liebe zu begegnen und die Welt und ihre Zukunft damit ein Stückchen besser zu machen.

Und noch eine Eigenschaft haben sie gemein: Alle stutzten, als ich ihnen den Titel dieser Serie nannte und entgegneten: „ Ich sehe mich eigentlich gar nicht als Held, denn ich tue doch nur meine Arbeit.“ oder die Mütter sagten „… ich bin doch kein Held, nur weil ich für mein Kind das Beste will und mir wünsche, dass es glücklich ist. Das ist doch normal!“

Natürlich ist das für einen Held für kleine Herzen „normal“, doch was wäre das kleine Herz ohne tatkräftige Unterstützung?

Unsere nächste Heldin für ein kleines Herz ist A., Mutter eines Kindes mit Autismus-Spektrum-Störung.

Mein herzlicher Dank geht im Namen aller interessierten und betroffenen Eltern an A., die ihre Erfahrungen mit uns teilt.

Sie spricht eindrücklich darüber, wie sie erstmalig mit dem Thema Autismus-Spektrum-Störung konfrontiert wurde, wie ihr Umfeld, die Schule und die Familie darauf reagierten und was der Familie und ihrem Sohn besonders geholfen hat.

Besonders eindrucksvoll appelliert A. an das Verständnis betroffener Eltern. Sie ist zur wahren Expertin geworden!

Liebe Eltern,

 

wir sind eine 4-Köpfige Familie (Papa, Mama, Sohn (9 Jahre) und Tochter (7 Jahre)) und leben irgendwo in Norddeutschland. Unser Sohn ist diagnostizierter Asperger-Autist. Ich als Mama möchte Euch unsere Geschichte erzählen, auch wie es uns damit so ergangen ist. Vielleicht ist etwas dabei, was Euch vielleicht weiter helfen kann und wenn es nur ein bisschen Mut zusprechen ist.

 

Dass mit unserem Kind etwas anders ist, war rückblickend vom ersten Moment an klar. Es gab so viele Hinweise auf einen möglichen Autismus (die hier alle aufzuzählen wäre ein ganzes Buch wert), die wir als Eltern aber nicht recht greifen konnten. Leider gibt es immer noch sehr wenige echte Experten zum Thema Autismus und unter Fachleuten ist das Thema doch noch sehr unbekannt. Deshalb konnte anfangs keiner die Puzzleteile richtig zusammenbringen und wir fühlten uns nicht ernstgenommen und manchmal auch echt hilflos.

 

Für uns war die Diagnose am Ende eine totale Erleichterung!

 

A.

Helden für kleine Herzen - Teil 4

» Was war das Problem, mit dem du konfrontiert wurdest? Wie wirkte es sich auf dich, auf dein Kind, auf eure Familie und möglicherweise die Geschwister aus?

A.: Auffällig wurde es mit Beginn des Kindergartens. Das ist ja das typische Alter, in dem erste Besonderheiten des Asperger Autismus richtig zum Tragen kommen. Das erste Kindergartenjahr verlief recht ruhig. Es gab mal den ein oder anderen Hinweis: Er spielt ja schon viel alleine/gern alleine, mag sich nicht auf Spiele anderer einlassen, hasst Veränderungen, besonders spontane. Und das deutlichste: Er verweigert manche Aufgaben.

Wir hatten zu Hause auch immer mal wieder mit heftigen „Wut“-anfällen und extremer Verweigerung zu kämpfen – es war schon früh klar, dass da nicht immer der Wunsch, damit ein Ziel zu erreichen, dahintersteckte, sondern etwas anderes. Richtig greifbar war das aber alles nicht und helfen konnte uns auch keiner. Großeltern, Familie, Erzieher, Kinderarzt sagten: „Das ist normal, ihr müsst konsequent bleiben, das wird schon.“

Das wurde es aber nie so richtig. Konsequenzen zu ziehen, hatte nie den Erfolg, dass es beim nächsten Mal besser/anders wurde oder man anderweitig darauf aufbauen konnte. Daran zu scheitern fühlte sich unangenehm an und wir haben zunehmend an unseren Elternfähigkeiten gezweifelt. Dass man von anderen komisch angeguckt wird, ist da schon fast normal. Das Schlimmste aber ist, es wird einem unterschwellig Erziehungsversagen vorgeworfen! Das tut sehr weh!

Unsere Tochter hat lange versucht, mit besonders viel Einfühlungsvermögen auf ihren Bruder einzugehen. Einiges konnten wir als Eltern uns sogar abschauen. Inzwischen ist sie oft nur noch genervt; je älter sie wird, umso mehr bekommt sie von der Besonderheit mit und hat irgendwie kein Verständnis mehr – das ist sehr schade und ein echter Balanceakt.

Erste Auffälligkeiten

» Erinnerst du dich daran, wie es war und sich für dich anfühlte, als du das erste Mal das Gefühl hattest, dass „etwas nicht stimmt“ oder „anders“ ist?

A.: Im zweiten Kita Jahr wurde etwas anderes auffällig. Unser Sohn hatte in der Kita zwei ganz enge Freunde und die Freundschaft hält bis heute. Die drei verstehen sich nach wie vor fast blind. Aber natürlich gab es den Wunsch nach mehr Freundschaften, auch seitens anderer Kinder. Es gab immer wieder diese Tage, an denen er seinen Besuch stehen gelassen hat, wenn ihm eine Idee in den Kopf kam. Und er war nicht mehr davon abzubringen, bis seine Idee umgesetzt war.

Alle Versuche, ihn zurück zum Spiel mit seinen Freunden zu bringen, endeten grundsätzlich in massivem Protest und Geschrei. Auch der Versuch, seine Freunde in sein „Spiel“ mit einzubinden scheiterte, weil andere seinen Gedanken nicht folgen konnten oder es „nicht richtig machten“! Er zeigte keinerlei „Einsicht“ oder Interesse daran, dann mit seinen Freunden zusammen zu spielen.

Der Umgang mit seinen Freunden hat mich damals sehr betroffen gemacht – ich hatte das Gefühl, er sei ein Egoist. Und habe mich manches Mal darüber geärgert. Vor allem aber habe ich mich gefragt – warum? Freundschaft ist unserem Sohn so wichtig – warum tut er nichts dafür?

Aber heute ist mir klar – er konnte gar nicht anders! Zum einen besitzt er kaum Einfühlungsvermögen für die Bedürfnisse anderer und zum anderen musste diese Idee raus aus seinen Gedanken. Denn solange diese durch seinen Kopf geisterte, war er nicht mehr in der Lage, sich auf anderes zu konzentrieren, schon gar nicht auf soziale Aspekte einer Freundschaft.

Besonderheiten an der Autismus-Spektrum-Störung

» Welcher Weg ergab sich daraus?

A.: Diese Beobachtung gab mir den Anstoß, professionelle Hilfe zu suchen. Uns Eltern war da schon der Verdacht gekommen, dass möglicherweise Autismus dahinterstecken könnte, aber es war alles so vage und nicht richtig zu erklären. Der Sohn meines früheren Chefs ist ebenfalls Asperger-Autist und etwa 10 Jahre älter als unser Sohn. Mein Chef hatte mir da mehrfach von ähnlichen Situationen berichtet. Gleichzeitig hat er mich aber auch versucht zu beruhigen: Viele Sachen seien bei uns ja ganz anders und wir haben ja auch noch andere Probleme.

Heute weiß ich: Es schließt sich nicht aus. Die Diagnose heißt zurecht Autismus-SPEKTRUM-Störung und es ist tatsächlich ein Spektrum, ein Potpourri aus verschiedensten Eigenschaften und Besonderheiten! So gibt es Sachen, die für manche Autisten eine Riesenherausforderung sind, anderen aber wenig Schwierigkeiten bereiten und umgekehrt. Je nach Veranlagung im Spektrum, dem Umfeld und der akuten Situation.

Und da soll einer durchsteigen, der zum ersten Mal mit Autismus in Berührung kommt!?! Denn eines ist klar: nichts im Autismus ist bei irgendjemandem gleich: Es gilt: Kennst Du einen Autisten, kennst Du EINEN Autisten!

Nach Beratungen mit den Kita-Erziehern haben wir als Eltern Hilfe in einer Erziehungsberatungsstelle gesucht. Dies gab uns die Möglichkeit, einmal alle Merkwürdigkeiten zu erzählen und zu sortieren. Richtig weitergeholfen hat es uns letztlich nicht: Alle klassischen Erziehungsmethoden funktionierten schlicht nicht.

Mein Hinweis auf den Autismus- Verdacht wurde zwar zunächst ernst genommen, es wurden uns viele Fragen zu bestimmten Situationen gestellt. Das Ergebnis unserer Antworten war: Nein, es liegt kein Autismus vor. Aber leider wurde nur auf die klassischen Symptome geachtet: Er kommuniziert und er hat Freunde, was bedeutet, dass er kein Autist sei. Rückblickend denke ich: Schade, dass sich auch heute noch so wenig Profis wirklich mit Autismus auskennen, bzw. überhaupt daran denken! Bei uns hat es zu diesem Zeitpunkt schon viele Anzeichen gegeben.

Es wurde wieder versucht, unsere Schwierigkeiten und die Merkwürdigkeiten kleinzureden: Andere Eltern haben auch Probleme mit ihren Kindern, Eltern sein ist nicht einfach; gut, dass wir Hilfe gesucht haben, da sind wir uns der Probleme bewusst… Es hilft nur: konsequent sein, Struktur, geregelte Abläufe….

Tja…. ohne gewisse (mitunter sehr strenge) Regeln und Abläufe lief aber bei uns sowieso schon gar nichts. Eine Konsequenz einzufordern war noch schlimmer, als die eigentliche Aufgabe durchzusetzen. Aber noch strenger sein führte zu einem starren Korsett, bei dem dann jede Abweichung (vor allem, wenn sie von außen bestimmt war) zu riesigem Geschrei und erst Recht zur Verweigerung führte – dies war also keine Option. Auch die Zügel lockerer zu lassen, erzeuge Protest und Verweigerung. Aber warum bloß? Warum? Warum? Und was tun???

Es näherte sich das Ende der Kindergartenzeit und wir beschlossen, erstmal zur Ruhe zu kommen und den Schulstart abzuwarten. Es hatte sich alles ein wenig beruhigt. Mit vielen Erklärungen im Allgemeinen und Vorbereitung auf unbekannte Situationen (sofern möglich) lief es zu Hause einigermaßen. Es kamen weniger Katastrophenmeldungen aus dem Kiga. Ich hatte zwischendrin auch das Gefühl, unser Sohn wollte anders handeln, aber er kam aus der Rolle nicht mehr heraus. Also abwarten, was die Schule so bringt.

Autismus-Spektrum-Störung

Bild von Thomas G.

Autismus-Spektrum-Störung in der Schule

» Ergaben sich daraus auch Probleme in der Schule?

A.: Mit großem Enthusiasmus auf eine neue Chance meinerseits, aber auch mit gehörig Respekt vor den Anforderungen, begann die Schulzeit. Unser Sohn hatte sich bis dato noch keine einzige Minute auf die Schule gefreut – warum sollte er lesen und schreiben lernen, er war hervorragend 6,5 Jahre ohne klargekommen und hatte sich sein teilweise beachtliches Wissen erfragt, vorlesen lassen, gern Dokumentationen im Fernsehen geschaut, Bücher angeguckt – eben seinen Weg gefunden.

Die erste Schulwoche war megaanstrengend für ihn und er hat jeden Mittag geschlafen. Bis zu den Herbstferien lief alles soweit. Wir hatten so ein bißchen Mühe mit dem Erledigen der Hausaufgaben, aber wir haben uns durchgewurstelt. Schule ist eben ein gehöriger Einschnitt und letztlich doch ganz anders als Kindergarten und da muss man sich erstmal umstellen und dem Kind (und den Eltern) Zeit geben.

Doch nach den Ferien kamen die ersten Anrufe/ Nachrichten: Unser Sohn würde immer noch verweigern, er verhält sich unsozial, kommt mit Veränderungen nicht klar, ist gleichzeitig sehr empfindlich. Im neuen Jahr gab es ein Elterngespräch mit der Klassenlehrerin. Sie hätte zudem den Eindruck, er hätte vor Vielem (Unbekanntem) Angst, brauche lange, um sich auf etwas einzustellen, sei schwer zu motivieren und gäbe schnell auf. Sie hatte aber auch erkannt, dass er teilweise ein großes Wissen hat und meinte zum Abschluss: das wird schon! So haben wir uns durch das erste Jahr gekämpft!

Im ersten Schuljahr wurden schon viele Fakten zum Autismus zusammengetragen, aber leider konnte keiner die Verbindung herstellen. Meine Recherche zu dem Thema brachte mich nur in Teilen weiter. Ich fand meinen Sohn nur zum Teil im Autismus-Spektrum wieder. Vor allem diese Austicker tauchten nirgendwo auf, bei denen er sich am Ende oft nicht mal erinnern konnte, was vorgefallen war….

Inzwischen weiß ich, dass diese im Autismus-Spektrum ‚Overload‘, ‚Meltdown‘ und ‚Shutdown‘ heißen und die Ursache fast immer eine Reizüberflutung jeglicher Art ist. Gerade lernen wir gemeinsam, die Overloads zu erkennen und Gegenmaßnahmen zu ergreifen, bevor es richtig schlimm wird.

Auch das Verweigern ist ein typisches Symptom – oft hat es damit zu tun, dass etwas von der Routine abweicht und sich das Kind auf die neue Situation einstellen muss. Lässt man unserem Sohn etwas Zeit, dann erledigt er anschließend meist die Aufgaben. Und falls nicht, kann man ihn immer noch fordern!

 

Und wir? Wir fühlten uns irgendwie hilflos. Liegt doch etwas anderes vor, aber was? Liegt es an uns, müssen wir mehr fordern oder vielleicht fördern? Aber das Kind steht so schon am Limit und nun in den Ferien mit Schule ankommen??? Vielleicht kommt er über die Ferien ein wenig zur Ruhe…?

 

Leider ging es im zweiten Schuljahr genauso weiter. Nein, nicht genauso: viel schlimmer! Hausaufgaben waren nur noch Verweigerung und in der Schule fing unser Sohn an, Zettel zu zerreißen, wenn eine Aufgabe nicht so gelöst werden konnte, wie er es gewohnt war oder er es sich vorgestellt hatte. Beim Sportunterricht setzte er sich einfach auf die Bank und tat nichts mehr, wenn es um Gruppenspiele ging. Er weigerte sich, den Klassenraum zu verlassen, als es um einen unangekündigten Raumwechsel ging. Puh, was war da los???

(Ich bin übrigens sehr froh und total dankbar, dass seine Klassenlehrerin von Anfang an gesehen hat, dass sich hinter diesen Aufständen kein Trotz verbirgt. Aber weitergeholfen, unser Problem zu lösen, hat uns das leider auch nicht!)

Auf Anraten der Klassenlehrerin, haben wir nun doch psychologische Hilfe in Anspruch nehmen wollen und sind an eine psychologische Ambulanz geraten. Die erschien uns auf den ersten Blick hoch professionell. Der Ambulanzleiter persönlich nahm sich über 2 Stunden Zeit, sich alle unsere Probleme anzuhören. Er hat uns mehrere Fragebögen ausfüllen lassen und kam am Ende zu einer ersten Verdachtsdiagnose: oppositionelles Trotzverhalten. Und machte uns gleich Mut, das ließe sich gut behandeln, er hätte da auch schon eine Therapeutin im Auge, die hätte sehr gute Erfolge erzielt.

Oppositionelles Trotzverhalten? Das hörte sich ganz nach unserem Sohn an: verweigert (unangenehme) Aufgaben, gibt anderen die Schuld, wenn etwas misslingt, hat häufig Wutausbrüche, geringe Frustrationsgrenze, … .

Ursache: Eltern oder andere Betreuungspersonen, die bei Widerstand gegen eine Aufgabe, nachgeben. Hmh, da konnte ich mich nicht dran erinnern…oder vielleicht ganz wenige Mal – und das sollte ausreichen???

Behandelt wird das Ganze mit einer Verhaltenstherapie. Es gibt klare Regeln und Tagesabläufe und die Kinder sollen für ihr fehlerhaftes Handeln die logischen Konsequenzen zu spüren bekommen.

Da kamen uns schon die ersten ernsthaften Zweifel: Klare Regeln und Tagesabläufe haben wir aber so was von! Ohne die würde unser Sohn überhaupt nicht klar kommen! Und Konsequenzen sind ja genau das, was gar nicht funktioniert. Klar haben wir es fast immer geschafft, diese durchzusetzen – aber ohne Erfolg auf Besserung/ Veränderung beim nächsten Mal. Und was uns noch viel mehr Rätsel aufgegeben hat: Er erreichte mit seiner Verweigerung doch gar nichts – letzten Endes musste er die (Haus-) Aufgaben trotzdem erledigen und hatte am Ende schlicht weniger Freizeit.

Die Lösung ging schonmal nicht auf. Es passte einfach alles überhaupt nicht zusammen und die Therapie erzielte logischerweise null Erfolge und alles wurde nur noch schlimmer. Was war dann nur mit unserem Sohn los??? Leider schafften es die Therapeuten in der Ambulanz nicht, über „ihren Tellerrand zu schauen“ und blieben beharrlich bei ihrer Diagnose. Uns wurde sogar nachgesagt, wir würden die Therapie torpedieren, da sich keine Verbesserung einstellte. Unser Autismus-Verdacht wurde vom Tisch gewischt: „Diagnosen stellen bei uns die Therapeuten und nicht die Eltern!“ So sind wir leider viel zu lange in die falsche Richtung gelaufen.

Nach einem letzten Versuch mit einem Elterngespräch eine Klärung herbei zu führen, haben wir kurzerhand den Therapeuten gewechselt. Und endlich wurde mein Verdacht erhört – es gab einige weitere Fragebögen und Gespräche und: Unser Verdacht war die ganze Zeit in die richtige Richtung gegangen! Es besteht der Verdacht einer autistischen Störung. Welch Erleichterung! Unser Gefühl hatte uns nicht getrogen! Eine Überweisung in ein Autismuszentrum brachte endlich die Gewissheit: Autismus-Spektrum-Störung, also kein oppositionelles Trotzverhalten!

 

Eine wichtige Erkenntnis:

Abgesehen davon, dass in der Ambulanz der falsche Ansatz gewählt wurde, ist mir trotzdem heute eines eindeutig klar: Wir als Eltern haben nie dasselbe als logische Konsequenzen empfunden wie unser Sohn; das, was wir als logische Konsequenz gesehen haben, war für ihn überhaupt nicht die logische Folge. Und unser Einfordern hat nur zusätzlich Verwirrung und damit noch mehr Reize erzeugt! Folge: Komplett-Verweigerung!

Heute setze ich oft keine Konsequenzen mehr ein. Die Sachen, die wirklich wichtig sind, werden natürlich ohne wenn und aber eingefordert – damit haben wir genug zu tun! Bei allen anderen Sachen überlegen wir sehr genau, ob die Sache richtig wichtig ist oder wir nicht Fünfe gerade sein lassen können. Das erfordert ein bisschen Mut, aber wir haben auch schon festgestellt: Bisher ist die Welt nicht untergegangen!

Benötige ich doch mal Konsequenzen, sind diese im Vorfeld klar und unmissverständlich (nachfragen!) mit unserem Sohn besprochen. So haben wir im Falle eines Falles null(!) Akzeptanzprobleme! Das ist das echt tolle an Autisten: Sind Regel und Bedingung akzeptiert (weil logisch!), werden sie zu 100% befolgt! Doch das muss man erst einmal verstehen und wissen, um damit richtig umgehen zu können.

Diagnose Autismus-Spektrum-Störung und was sich daraus für uns ergab

» Ergaben sich daraus auch Probleme im sozialen Umfeld? Für dich, für dein Kind, für andere Beteiligte?

A.: Die Diagnose löste insbesondere in mir ein Gefühl der Befreiung aus und gleichzeitig pure Erschöpfung. Endlich waren wir davon befreit, „schlechte“ Eltern zu sein / eine schlechte Erziehung zu leisten. Ganz im Gegenteil, wir waren die ganze Zeit goldrichtig unterwegs und haben intuitiv vieles richtig gemacht. Aber dieser Kampf war anstrengend gewesen. Und nun ging es eigentlich erst richtig los!

Wir haben die Schule informiert – in erster Linie die Klassenlehrerin, aber auch die Fachlehrer. Das war Teil 1 und relativ einfach. Hier haben wir von allen großes Verständnis erfahren und auch eine gewisse Erleichterung – damit konnte man arbeiten! Das ist Teil 2 und dieser ist viel schwieriger.

Wir stecken noch mitten drin im Prozess. Es benötigt viel Verständnis, Wissen, Geduld und Fingerspitzengefühl, zum richtigen Zeitpunkt das richtige zu fordern, aber an mancher Stelle einfach mal Weitsicht gelten zu lassen. Und das jeden Tag aufs Neue! Das, was gestern kein Problem war, ist heute eine Riesenherausforderung. Manche Sachen, um die wir lange gekämpft haben, gehen von heute auf morgen ohne weiteres Zutun!

» Wie ging dein Kind damit um? War es einsichtig und erkannte das Problem selbst, war es traurig/verzweifelt/zurückgezogen/unbedarft/ ….?

A.: Inzwischen haben wir unserem Sohn auch erzählt, was mit ihm los ist, aber noch haben wir ihm keine Diagnose genannt. Ich glaube, es ist ihm schon im Kindergarten aufgefallen, dass er anders ist, andere Interessen hat ohne, dass es ihn groß gestört hat. Auch war das lange in der Schule kein Thema.

Seit einiger Zeit (er ist jetzt 9) hinterfragt er es aber doch zunehmend, da er gemerkt hat, dass anderen Kindern manche Sachen leicht fallen und ihm gar nicht gelingen wollen. Es war uns wichtig geworden, dass er versteht, dass seine Art zu denken und zu fühlen für ihn normal ist, aber auch, dass es anderen anders geht. Es fällt ihm schwer, das zu akzeptieren. Denn schließlich denkt sein Gehirn nicht nur für uns anders, sondern auch unsere für ihn.

Auch haben wir die Eltern seiner besten Freunde informiert und die Eltern der Klasse, was es mit den Besonderheiten unseres Sohnes auf sich hat. Der ein oder andere hatte sich so seine Gedanken gemacht. Auch hier kam großes Verständnis und Dank für die offenen Worte. Es tut einfach gut, wenn man nicht auf sich alleine gestellt ist.

» Wie wirkte sich die Situation auf deine Partnerschaft/Ehe aus? War das eine besondere Herausforderung für euch als Paar?

A.: Auch meinem Mann ist die Diagnose am Anfang sehr schwer gefallen und er mochte diese bzw. vielmehr die Besonderheiten und damit einhergehenden besonderen Regeln gar nicht hinnehmen und hat weitergemacht wie bisher, mit ausbleibenden Erfolg. Dann habe ich ihm immer wieder ein Stichwort geliefert und er konnte selbst recherchieren, hat vieles inzwischen verstanden und einen guten Weg gefunden, mit unserem Sohn umzugehen.

Dennoch ist es ein dauerhafter und mitunter sehr anstrengender Weg, Autisten zu begleiten.

Autismus-Spektrum-Störung

Bild von mimzy

Autismus-Spektrum-Störung in der Gesellschaft

» Was hat dir besonders geholfen? Welche konkreten Tipps hast du für andere Eltern im Bezug auf den Umgang mit einem Kind, das eine ASS Diagnose hat? Hast du eine Lösung für dich persönlich gefunden, wie du mit der Situation besser umgehen kannst?

A.: Eben weil der Weg so herausfordernd ist, ist es wichtig, sich soviel Wissen wie möglich zu dem Thema Autismus anzueignen. Nicht nur die reinen Fakten über die Symptome, sondern vor allem auch, wie sich Autisten fühlen, wie sie denken!

Es gibt heute so viele Möglichkeiten sich zu informieren, vor allem über das Internet. Dort gibt es leider auch viel Unsinn – aber ich finde man merkt schnell, ob die dort gegebenen Informationen weiterhelfen. Im Anhang findet ihr die Bücher, Blogs, Videos und Podcasts, die uns weitergeholfen haben.

Mir hat es sehr geholfen, Bücher zu lesen, die aus Sicht der betroffenen geschrieben wurden. Diese gibt es als Kindervarianten aber auch für Erwachsene. Das hat mir die Denkweise veranschaulicht. Es hilft zudem, sich die ein oder andere autistische Denk- und Verhaltensweise anzueignen. So kann man in Krisenzeiten dann Führung übernehmen, die dringend benötigt wird.

Es gibt viele, sehr gute Videos, wo Betroffene selbst oder Eltern ihre Sichtweise erzählen, auf etwas aufmerksam machen und an vielen Stellen wertvolle Hilfe liefern – manchmal bessere als Fachleute und Therapeuten.

Es gibt tolle Foren und einen klasse Podcast – ich habe auch den ein oder anderen Ersteller der Videos angeschrieben und um Unterstützung zu verschiedenen Themen gebeten. Hier habe ich viele Informationen und positive Rückmeldungen bekommen.

Es gibt bei uns in der Stadt auch eine Selbsthilfegruppe. Bisher habe ich dorthin keinen Kontakt aufgenommen – das ist einfach nicht meine Welt, das mag aber für jeden anders sein und es hängt sicher auch von der Gruppe selbst ab.

Für manche Autisten mag es hilfreich sein, eine Schulbegleitung zu haben. Dies lehnt unser Sohn ab, es würde ihn für sein eigenes Empfinden noch besonderer machen und damit noch mehr Stress erzeugen. Eine Schulbegleitung soll eine Hilfe sein und keine Strafe. In unserem Fall haben auch die Lehrer eine solche abgelehnt, da sie eher fürchten ein weiteres "Kind" in der Klasse sitzen zu haben. Und inzwischen läuft es in der Schule erheblich besser, mit kleinen Rückschlägen, besonders kurz vor Ferien.

Und ich habe viele dieser Informationen und Erfahrungen auch den Lehrern zu Verfügung gestellt, was sehr dankbar aufgegriffen wurde – man sollte nicht davon ausgehen, dass sich die Lehrer in irgendeiner Weise damit auskennen. Autismus ist, wie bereits erwähnt, selbst unter psychologischen Fachleuten ein weitestgehend unbekanntes Thema; Warum sollten sich Lehrer und Erzieher damit auskennen? Außerdem können so alle über dasselbe sprechen! Und es gab durchaus auch Tipps von den Lehrern zurück!

Gegenwind

» Welchen Hürden bist du begegnet?

A.: Eine Sache an der Schule hat mich allerdings sehr verletzt. Die Rektorin hatte um ein Gespräch gebeten: Eltern, Klassenlehrerin und Fachlehrer. Ich war nicht so richtig glücklich über ihren Wunsch – sie hat keinen Unterricht bei unserem Kind und ich fand, dass sie das nichts angeht. Das Ganze ist ja sehr persönlich. Auf der anderen Seite wussten die Eltern der Klasse bereits Bescheid, so konnte ich der Rektorin dies nicht gut verwehren. Ich musste allerdings allein zu dem Termin, mein Mann hat auf die Kinder aufgepasst.

Die Rektorin bat mich kurz zu erzählen, was es mit der ASS so auf sich hat, sie kenne das gar nicht, das sei ihr noch nie begegnet! Das hat mich sehr verwundert, denn sie ist eine erfahrene Lehrerin. Aber sei es drum, ist vielleicht wirklich zu unbekannt. So habe ich sehr kurz die Besonderheiten aufgezählt und dass diese Kinder an manchen Stellen sehr viel mehr Unterstützung benötigen als Klassenkameraden.

Als ich erläutern wollte, wie man damit gut umgehen kann, fällt sie mir ins Wort und sagt: Na, da hätte unser Sohn aber eine niedliche Besonderheit. Wir müssten uns aber schon im Klaren sein, dass auch besondere Kinder sich bei ihr an der Schule anpassen müssten! Und wann wir denn denken, dass unser Sohn selbstständiger wird?

Wie bitte? Ich war entsetzt und fassungslos!!! Wie kann sie eine solche Aussage treffen – wo sie mir zuvor erklärt hat, dass sie die ASS nicht kennt? Ich halte unseren Sohn doch nicht künstlich klein! Im Gegenteil: Wir wünschen uns sehr, dass unser Sohn später ein selbstständiges Leben führt und ich sehe uns auf einem guten Weg dorthin. Wenn das alles so einfach wäre und schnell ginge, säße ich nicht hier! Wo war die vielgerühmte Toleranz?

Ich war jedenfalls sprachlos (was selten vorkommt) und ich habe sofort den Raum verlassen. Später hat mich die Klassenlehrerin (wohlgemerkt Klassenlehrerin) angerufen und hat sich entschuldigt! Das war eine schlimme, schlimme Erfahrung und vermutlich wird es nicht die letzte gewesen sein. Der Kampf (es ist schade, dass man so kämpfen muss) wird spätestens an der weiterführenden Schule von Neuem beginnen.

Ich habe es letztlich darauf beruhen lassen, obwohl mir zuvor übelste Gedanken gekommen waren! Aber gegen Beton in Köpfen kann ich zum momentanen Zeitpunkt nicht viel ausrichten! Ich brauche die Energie für mein Kind und für diejenigen, die Lust darauf haben, mit Autisten zu arbeiten. Für diejenigen, die trotz aller Schwierigkeiten sich die Besonderheiten zunutze machen und dies als Bereicherung sehen! Und da gibt es in unserem Umfeld Gott sei Dank genug!

Appell

» Welchen Tipp hast du für andere Mütter? Was würdest du dir für autistische Kinder der Zukunft wünschen? Was für ihre Familien?

A.: Deshalb: Schaut mit Stolz auf eure Kinder. Guckt auf ihre Fortschritte und erfreut Euch daran. Lasst euren Kindern die Zeit, die sie brauchen, um selbst Wege zu finden und wenn sie noch so unkonventionell sind. Und helft ihnen, wenn ihnen selbst etwas wichtig ist, sie aber keine Lösung finden (können). Und überlegt, was wirklich wichtig ist im Leben und an welcher Stelle das Anforderungsprofil Abspecken verdient!

Noch viel wichtiger: Nehmt Eure Kinder wie sie sind – sie sind toll! Und dann kämpft für sie – da sie es selbst (noch) nicht können. Das kostet unendlich Kraft, die eh schon knapp ist. Aber wir Mütter können das! (und die Väter können uns gut unterstützen).

Klärt Eure Leute auf, sprecht offen. Macht allen im Umfeld klar, wie es Euren Kindern ergeht, wie sie fühlen und denken, wie sie ihre Umwelt wahrnehmen. Nehmt das Umfeld mit in die autistische Welt und erklärt, dass Eure Kinder sich das nicht ausgesucht haben und dass sie oft leiden. Nur durch Aufklärung kann man die Gesellschaft zur Toleranz erziehen!

Macht Euch und allen anderen bewusst: Es steckt keine schlechte Erziehung, fehlende innere Einstellung oder mangelnde Durchsetzungskraft dahinter. Unsere Kinder sind nicht boshaft, trotzig, verwöhnt oder faul. Sie besitzen eine Eigenschaft, die Autismus heißt. Und Nicht-Autisten, die sich in keinster Weise vorstellen können, was das bedeutet, haben festgelegt, es sei eine Abweichung von der Norm und damit eine Behinderung!

Aber wer wird hier behindert? Ich bin mir ziemlich sicher, dass unser Sohn seine reiche Welt gar nicht tauschen möchte, auch wenn er oft an seine Grenzen in unserer Welt gerät! Seine Welt bietet ihm soviel, die engen Grenzen unserer Welt behindern ihn! Er sieht die Welt tatsächlich mit anderen Augen, Ohren, Geschmäckern, Farben. Er hat immer 1000 Ideen, wovon etliche unkonventionell sind, aber grundsätzlich zum nachdenken und nachahmen anregen!

Soll ich ihn darin behindern, weil es mir oder womöglich jemandem anderen unkonventionell/ nicht der Norm entsprechend erscheint?

Zum Schluss noch eine Sache, die mir persönlich sehr am Herzen liegt: Wie mehrfach beschrieben, ist das psychologische Fachpersonal noch nicht unbedingt fit im autistischen Spektrum und vor allem im Umgang mit Betroffenen. Fragt eure Therapeuten, ob und welche Erfahrungen sie im Umgang mit Autisten haben und falls keine da sind, fragt, ob sie bereit sind, mit Euch diesen Weg gemeinsam zu gehen und vielleicht auch mal unkonventionell zu denken.

 

Solltet ihr an irgend einer Stelle ein merkwürdiges Gefühl bekommen und/oder eine Therapieform widerspricht auch nur im geringsten eurem Bauchgefühl, oder es bringt Euch überhaupt nicht weiter: Bitte, bitte habt den Mut, dies anzusprechen und im Zweifel den Weg abzubrechen!

 

Lasst nichts zu, wo Euren Kindern, der „Wille“ gebrochen werden soll und sie sich „endlich“ anpassen/neurotypisch verhalten sollen. Oder wenn ein Meilenstein von ihnen gefordert wird, den neurotypische Menschen als Normalität ansehen! Autismus ist keine Lebenseinstellung und man kann Autismus nicht um- oder wegtherapieren! Autist bleibt man ein Leben lang! Und nur weil bestimmte Eigenarten später nicht mehr sichtbar sind, heißt das nicht, dass sie verschwunden sind oder etwas „geschafft“ wurde! Möglicherweise musste der Autist lernen, diese zu unterdrücken und lebt nun gegen seine Natur, was ihn ernsthaft krank machen kann.

 

Lasst die Besonderheiten bei Euren Kindern zu und sucht nach kreativen Lösungen, wenn ein Verhalten überhaupt nicht zu tolerieren ist (was durchaus vorkommt und man das nicht aushalten muss). Wir haben gute Erfahrungen damit gemacht, sich selbst und dem Kind zunächst die problematische Verhaltensweisen bewusst zu machen: Was genau ist problematisch, für wen und warum, und was geht der Situation voraus? Kann der Auslöser nicht verändert werden, kann man anschließend versuchen, Stück für Stück das problematische Verhalten durch eine neue, unproblematischere Verhaltensweise zu ersetzen. Dies erfordert allerdings sehr viel Fingerspitzengefühl und setzt unendlich Geduld voraus und man ist auf die Kooperationsbereitschaft/das Verständnis um das Problem beim Autisten angewiesen.

Habt deshalb bei allen Vorstellungen und Erwartungen im Kopf: Ermöglicht den Autisten vorrangig so zu sein, wie sie sind und behindert sie nicht!

 

Das ist Inklusion!

Tipps für betroffene Eltern

Hier sind die genannten Quellen, die A. und ihrem Umfeld geholfen haben, die autistische Welt besser zu verstehen:

Youtube-Kanal:

  • Galoxee-Asperger-TV (hier erzählt eine Mama hauptsächlich vom Umgang mit ihrem autistischen Sohn, aber auch Tochter und Vater sind betroffen)
  • InsideAut (hier erzählt ein Erwachsener aus seiner Welt – er kann die autistische im Vergleich zur neurotypischen Sichtweise sehr gut erklären)
  • GirlfromPlanetAspie (jetzt: LennsArrival, eine junge Frau, die auch aus ihrer Kinder- und Jugendzeit erzählt)

Bücher:

  • Schattenspringer*
    • Daniela Schreiter
    • Comic, für ca. 10-Jährige – hiermit haben wir unserem Sohn seine Besonderheit nahegebracht
  • Alle anderen sind komisch*
    • Martina Grünbaum
    • Autistische Innenansichten und ein toller Blick auf die neurotypische Welt und ihre Regeln
  • Kinder mit Asperger einfühlsam erziehen*
    • Cynthia LaBrie Norall, Beth Wagner Brust
    • konkrete und umsetzbare Tipps zum Umgang – die Übersetzung liest sich etwas ungewohnt: Autisten heißen dort: unsere Freunde, dennoch sind die Inhalte wirklich gut

Podcast

  • Autistische Wahrnehmungen
    • ein autistischer und eine neurotypischer Mann sprechen in lockerem Plauderton, in späteren Folgen sind andere Gäste dabei; es gibt auf der zugehörigen Homepage der einzelnen Podcast sehr viele Querverweise auf Artikel, Fachbeiträge, Videos, Bücher zu angesprochenen Themen – hier lohnt es sich in jedem Fall weiterzulesen!

Blogs

Hier müsst ihr gucken, welche Beiträge EUCH weiterhelfen.

Und hier auch noch eine Jugendbuchempfehlung von mir, Silke, die auch verfilmt wurde:

  • Wunder*
    • R.J. Palacio, dtv Verlag
    • ausgezeichnet mit dem deutschen Jugendbuchpreis.

Du möchtest noch weitere Helden für kleine Herzen kennenlernen?

Hier kannst du Teil 1, 2 & 3 nachlesen:

Mit Liebe und Geduld zu einer glücklichen Familie

Tirza hat als Mutter eines Sohnes mit neuro-psychiatrischen Problemen einen langen Weg des Lernens hinter sich. Ihre Geschichte ist dennoch aufmunternd für uns alle

>> Teil 1 lesen

Gutes Sehen: Den ganzen Menschen im Blick haben.

Augenarzt Dr. med. Thomas Katlun behandelt in seiner Praxis in
Heidelberg Kinder, Jugendliche und Erwachsene mit einem ganzheitlichen Ansatz.

>> Teil 2 lesen

Integrativer Kindergarten: Engagiert und liebevoll durch den Kindergartenalltag.

In diesem Interview erhältst du einen spannenden Einblick in den Alltag einer Erzieherin. Das Interview gibt dir Impulse für dich und deine Kinder mit, die du selbst vielleicht umsetzen kannst oder damit (deine) Kinder noch besser unterstützen kannst.

>> Teil 3 lesen

Kennst du auch Menschen, die das Leben unserer Kinder verbessern? Wer ist für dich ein Held für kleine Herzen? Hinterlasse mir gerne einen Kommentar.

Und wenn auch du einen Beitrag zu dieser Blog Serie durch (d)eine Geschichte leisten möchtest, die vielleicht für andere Eltern die Initialzündung für einen für sie Heilung bringenden Weg sein kann, schreibe mir gerne eine Nachricht.

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Ich bin Silke Krämer.

Kinder- und Jugendcoach Professional, NLP Master und Coach, EMDR Traumatherapeutin und Gymnasiallehrerin

Ich helfe Familien, wenn es Schulstress gibt und daheim die Fetzen fliegen. Außerdem unterstützte ich Mütter und Väter dabei, sich den Herausforderungen des Familienlebens selbstbewusst zu stellen.

Als Trainerin für Reflexintegration helfe ich deinem Kind, damit ihm die Schule bei Konzentrations­schwächen, Lern- und motorischen Problemen leichter fällt.

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Menschen sind soziale Wesen und alleine nicht überlebensfähig. Spätestens seit dem tragischen Fall Kaspar Hauser wissen wir, dass Babys und Kleinkinder durch Nachahmung lernen und eine lebendige Bindungsperson brauchen, die ihnen eine angemessene Reaktion auf Erfahrungen spiegelt.

So erlernen sie alle sozialen und emotionalen Fähigkeiten, um als Mitglied in einer Gemeinschaft bestehen zu können. Die Gemeinschaft bietet Sicherheit und Schutz - zumindest evolutionär betrachtet.

Darum ist es nur verständlich, dass Menschen nach Zuneigung, Bestätigung und Anerkennung streben, um ihren Platz in der Gesellschaft zu sichern. Wird dieser Platz durch Konflikte gefährdet, hat das weitreichende Auswirkungen auf das Wohlbefinden.

Wie entstehen Konflikte?

Jeder hat von seinen Eltern gewisse Vorstellungen mitbekommen, wie alles zu sein hat. In stressigen Lebenssituationen drängen sich diese Vorstellungen in den Vordergrund, weil sie ein Gefühl von Sicherheit geben; quasi etwas, an dem wir uns entlang hangeln können.

Wenn man allerdings in mehreren Lebensbereichen nach so einer festen Vorstellung lebt, dann lässt man sich irgendwann gar nicht mehr so richtig auf das Leben ein, weil man immerzu damit beschäftigt ist, seine Vorstellungen zu realisieren.

Daraus entsteht ein Konfliktpotential, weil ja jede Person - also auch die anderen - ihre eigenen Vorstellungen mitbringen. So prallt die „Vorstellung“ von Person A auf die „Vorstellung“ von Person B.

Konflikte lösen: So gelingt's auf friedvolle Weise 1

Bild von Ketut Subiyanto

Wo kommen meine Vorstellungen her?

Kinder wollen spielerisch ausprobieren und die Welt entdecken. Es ist ein tolles Gefühl und motivierend für ein Kind, durch das eigene Tun und Handeln ein Stück weit herausgefunden zu haben, wie die Welt funktioniert.

Beispielsweise, den Bauklötzchenturm so stabil zu bauen, dass er hoch wird. Wenn ein Kind das geschafft hat und das Ergebnis abends stolz seinem Papa zeigen möchte, der aber so in seiner eigenen Vorstellung gefangen ist, wie es zu sein hat, und antwortet: „Ja gut, aber schau mal, wenn du jetzt noch die Steine hier hin baust und da die Mauer verstärkst, dann kannst du den Turm noch stabiler und noch höher bauen!“.

Wie fühlt sich wohl so ein Kind?

Es fühlt sich, als genüge seine Leistung nicht, als würde der Papa es nicht anerkennen, weil er es besser weiß.

Es ist verletzt und fühlt sich nicht als die Person gesehen und wertgeschätzt, die es ist und gerne sein möchte.

Denn Papa hat gesagt, wie es noch besser geht… in seinen Augen.

Oder wenn man dem Kind das Gefühl gibt: Du kriegst meine Liebe, aber nur, wenn du dich meinen Erwartungen entsprechend verhältst, du ein guter Schüler bist, du alle Hausaufgaben direkt nach der Schule machst, dein Zimmer ordentlich hältst, keinen Wutanfall bekommst, dich beim Essen nicht so tollpatschig anstellst usw.

Wenn man als junger Mensch so behandelt wird, entsteht eine innere Unruhe, die sich immer weiter ausbreitet und auch körperlich wird. Man fühlt sich nicht mehr verbunden.

Irgendwann versucht das Kind dann das Gefühl den Eltern zurück zu geben, indem es die Situation umdreht. Es behandelt die Mama oder den Papa dann so, wie es sich selbst behandelt fühlt und unterdrückt das Bedürfnis, mit Mama oder Papa verbunden zu sein. Das findet alles auf einer unbewussten Ebene statt.

Dann entstehen so Sätze wie „Blöde Mama“ oder „Dann zieh ich halt einfach aus“ oder „Ich hab dich eh nicht lieb“.

Auf Eltern wirkt diese Reaktion meist sehr unreif und unkontrolliert. Die Schlussfolgerung ist, dass sie glauben, ihr Kind könne seine Emotionen nicht kontrollieren. Die Eltern waren sich dessen, was zur Anbahnung dieser Aussagen geführt hat, gar nicht bewusst. Der Papa aus obigem Beispiel hat es nur gut gemeint und wollte seinem Kind zeigen, wie es noch besser geht. Dass er es dabei erniedrigt haben könnte, kam ihm gar nicht in den Sinn.

Eine andere Reaktion eines Kindes könnte auch sein, dass es sich selbst zum Objekt macht, indem es sagt: „Ich kann keine Bauklötzchentürme bauen, ich kann Mathe nicht, ich bin eh der Blödeste, ich bin es gar nicht wert geliebt zu werden, am besten wäre es, mich gäbe es gar nicht mehr, dann habt ihr keine Sorgen mehr“.

Einer dieser beiden Lösungswege verankert sich im Gehirn.

Also entweder, sich dem andern gegenüber immer durchsetzen zu müssen und hart nach außen zu sein oder sich selbst als Opfer und Objekt zu sehen.

Die Verletzungen bilden die innere Haltung und stabilisieren diese Vorstellung. Andere Vorstellungen, die sich aus Verletzungen entwickeln, könnten lauten:

„Ich muss meine eigenen Bedürfnisse zurückstellen und immer allen helfen, um Anerkennung zu bekommen“.

„Ich muss super ordentlich sein, um Anerkennung zu bekommen“.

Diese Übertriebene Ordnungsliebe kann dann schon fast manisch wirken

Die Vorstellung, wie ich in der Gemeinschaft sein muss

Wie schon oben erwähnt, wollen Menschen Teil der Gemeinschaft sein, weshalb die sozialen Netzwerke hoch im Kurs stehen. Dort scheint die Jagd nach Likes und bestätigenden Kommentaren so unermüdlich wie nirgendwo anders zu sein.

Je mehr, desto besser und je mehr, umso größer wächst das Verlangen nach noch mehr. Das führt bei Jugendlichen zu großem Erfolgsdruck.

Wettstreit und Vergleiche mit anderen entstehen, was zu inneren Konflikten führen kann.

Junge Menschen fühlen sich abgelehnt, entwickeln Selbstzweifel und kultivieren daraus ein Konkurrenzdenken. Doch dass das gar nicht die ‚richtige‘ Anerkennung ist, aus der sich im Notfall Rückhalt und fürsorgliche Zuwendung schöpfen ließe, verlieren sogar Erwachsene immer mehr aus dem Blick. Dabei entfernt sich das Individuum zunehmend von sich selbst. Es verliert sich im Sog der Forderungen und gesellschaftlichen Richtlinien.

Doch selbst, wenn man sich über die trügerische Welt im Klaren ist, fällt es dennoch schwer, zwischen oberflächlicher Anerkennung und wahrer Liebe zu unterscheiden. Der Wunsch, dazu zu gehören, lässt einen oft Dinge tun, die einem gar nicht guttun.

Das alltägliche Hamsterrad hat einen fest im Griff. Man rennt schneller und schneller und fordert zunehmend mehr von sich. Daraus entwickelt sich eine allgemeine Strenge. Man wird härter zu sich und auch von anderen.

Diese eine bestimmte Vorstellung im Kopf möchte man realisiert wissen.

Was haben diese Vorstellungen mit Konflikten zu tun?

Eine dieser Vorstellungen bringt man in den Konflikt mit hinein. Die eigene Vorstellung ist möglicherweise eine ganz andere, als beispielsweise die des Gegenübers oder des eigenen Kindes (das im Idealfall noch gar keine dieser Vorstellungen hat, sondern völlig rein ist. Im menschlichen Miteinander entwickeln sie sich allerdings bei den meisten Menschen.).

Doch eigentlich mag man in solch einer Konfliktsituation nicht den anderen Menschen nicht, sondern die Vorstellung, die er hat.

Emotional lässt sich das nicht trennen. Und schränkt einen beim Konflikte lösen ein.

Vor allem ein Kind bekommt dadurch schnell das Gefühl, von den eigenen Eltern nicht geliebt zu werden. Es fühlt sich abgewiesen und unverbunden. Ein inkohärentes Gefühl entsteht.

Konflikte lösen: So gelingt's auf friedvolle Weise 2

Bild von Gerd Altmann

Konflikte lösen durch ein kohärentes Selbstbild

Wenn man Herausforderungen als kohärent - also stimmig - einschätzt, entsteht ein Gefühl der Selbstwirksamkeit, die eine essentielle Voraussetzung für Resilienz ist. Je widerstandsfähiger ein Mensch ist, umso besser kommt er in schwierigen Situationen klar. Kohärenz ist ähnlich wie das Urvertrauen: Je ausgeprägter es ist, umso besser kommt ein Mensch mit Herausforderungen klar.

Fühlt sich ein Kind inkohärent, beginnt der ganze Kreislauf, den schon die Eltern durchlaufen haben, von vorne. Denn auch das Kind strebt nach Bindung und Zugehörigkeit. Es versucht alles dafür zu tun, damit kein Bindungsabbruch stattfindet. 

Lebt der Erwachsene jedoch mit so einer festen Vorstellung in seinem Kopf, dann liegt sein Fokus so stark auf der Umsetzung dieser Vorstellung, dass er nicht mehr feinfühlig und empathisch auf sein Kind oder Gegenüber reagieren kann. Dann passiert es leicht, dass er oder sie zum Anführer, zum Kontrolleur, zum Aufräumer oder zum Überängstlichen wird.

Darum hilft auf jemanden einzureden nicht beim Konflikte lösen

Wenn das Gehirn einmal gelernt hat, dass eine Lösungsstrategie „Erfolg“ hatte, dann verfestigen sich diese Strukturen im Gehirn. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass die Lösung funktioniert. Das führt dazu, dass sich die innere Unruhe abbaut, weil der inkohärente Zustand dann kohärent wirkt. Das setzt im Mittelhirn Botenstoffe frei, die diese Vorstellung fest im Gehirn verankert. Diese festen Überzeugungen können manche Menschen nicht loslassen. Auch dann nicht, wenn immer wieder jemand kommt und sie infrage stellt. So lassen sich keine Konflikte lösen.

Bestimmt hast du dir diesen Satz schon einmal selbst gesagt: „Ich weiß ja eigentlich, dass ich das nicht machen sollte, aber ich kann nicht anders“.

Auf der kognitiven Ebene verstehen die Menschen meist recht schnell, was das Problem ist. Doch ist unsere feste Vorstellung nicht in der selben Hirnregion gespeichert, die uns das Problem verstehen lässt. Folglich hilft das Verstehen nicht unmittelbar bei der Lösung. Es lässt uns lediglich erkennen, dass ein Problem vorliegt und eine Lösung dafür her muss.

Denn sonst würde man sich ja nicht immer wieder den selben Satz sagen hören, obwohl man doch weiß, dass er nicht hilfreich ist. Und es würde nie jemand Schläge weiter geben, der selbst Opfer von Schlägen war und weiß, wie schlimm Schläge sind und dass sie nicht helfen, sondern ganz viel Schaden anrichten.

Eine Vorstellung muss auf einer anderen Ebene gelöst werden als auf der, die einen die Situation erkennen lässt.

Das Auf-den-Menschen-Einreden, hilft nicht beim Konflikte lösen. Wir können einen anderen Menschen nicht durch Reden verändern. Wenn das einer versucht, macht er genau das gleiche, was damals als Kind passiert ist und das Ganze ausgelöst hat. Das, was zu dieser Vorstellung geführt hat, wiederholt sich. Beim nächsten Konflikt geht es wieder von vorne los.

Mediatoren und Konfliktmanager können durch Reden höchstens eine temporäre Verhaltensänderung bewirken. Aber der Mensch ändert sich dadurch nicht dauerhaft, da eine andere Gehirnregion durch das Gespräch angesprochen wird als die, in der die „Vorstellung“ gespeichert ist. Manchmal kann die Verhaltensänderung dann funktionieren, wenn sie durch eine Belohnung verstärkt wird, wie zum Beispiel Zuwendung. Das ist aber keine Verhaltensänderung, sondern Anpassung, beziehungsweise Konditionierung und leider meist nur temporär.

Wie kann man sein Kind dabei unterstützen, keine negativen festgefahrenen Vorstellungen zu entwickeln?

Wie kann sich also eine derartige Vorstellung, der man selbst zum Opfer geworden ist, auflösen? Mamas und Papas lieben ihre Kinder und möchten, dass sie das ebenso fühlen.

Leider verhindert die eigene festgefahrene Vorstellung das in Konfliktsituationen und behindert uns beim Konflikte lösen. Es geht nur um die Vorstellung, statt um die andere Person. Dabei sollte man doch alles dafür tun wollen, dass sich das Gegenüber nicht weiter fest fährt, sondern ihm aus dem Problem raus helfen wollen - erst recht, wenn man es liebt, so wie das eigene Kind.

Genau das kann man nur durch liebevolle Zuwendung zum Ausdruck bringen. Nicht durch Belehrung.

Man muss nach einer Möglichkeit suchen, durch die das Kind einen inneren Weg findet, anders mit der Situation umzugehen, als es das bisher getan hat.  Denn: Es kann sich jemand nur ändern, wenn er sich ändern will. Die Gratwanderung zwischen Belehrung und Erziehung ist schmal. Vielmehr ist in meinen Augen Erziehung als liebevolle Begleitung zu verstehen.

Es gibt ein schönes Sprichwort, das lautet: Das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht.

Es wächst nur dann schnell, wenn es die perfekten Bedingungen vorfindet. Für Gras sind das wohl ausreichend Wärme, Licht und Nährstoffe. Für unser Kind ist es eine liebevolle Umgebung. Ich kann eine andere Person (mein Kind, meinen Partner) also nur dazu bringen, sich verändern zu wollen, wenn der neue Zustand für diese Person attraktiver wirkt als der jetzige. Nicht, indem ich sie er-ziehe. 

Eltern dürfen nicht nur wollen, dass sich ihr Kind verändert, sondern auch der Erwachsene muss sich verändern, damit sich der Konflikt lösen kann. Er muss sich von seinen Vorstellungen verabschieden.

Nur weil etwas durch die eigene Brille betrachtet als das Richtige scheint, heißt es noch lange nicht, dass es richtig ist.

Nur, weil der Erwachsene erwachsen ist, bedeutet das nicht, dass er mehr im Recht ist.

Vielmehr, dass der Erwachsene die Kontrolle, seinen Ordnungswahn, seine Anführer-Rolle oder seine Ängstlichkeit loslassen muss.

Konflikte lösen: So gelingt's auf friedvolle Weise 3

Nur Mut: Vorstellungen loszulassen ist nicht einfach und doch möglich

Doch was hält einen davon ab loszulassen?

Will man sich verändern, bedeutet es, Gewohntes, Bekanntes und Sicherheit Gebendes infrage zu stellen, aufzugeben und loszulassen.

Dafür braucht man Mut.

Was macht Menschen mutig?  Redet dir jemand von unten auf dem 10 Meter Brett gut zu, wirst du dennoch nicht springen, wenn du panische Angst davor hast.  Wenn du aber dein Kind aus dem brennenden Haus retten möchtest, springst du auch aus dem dritten Stock - ohne, dass dich jemand kognitiv durch reden überzeugen muss.

Mut entsteht also von alleine, wenn man merkt, dass etwas getan werden muss, weil es sonst Schaden nimmt.

Dann überlegt man gar nicht mehr.

Man braucht keine Kognition, um das sich in Lebensgefahr befindende Kind zu retten.
Diesen Mut kann man also nur einer anderen Person gegenüber aufbringen, der man sich innerlich tief verbunden fühlt.

Genau diese tiefe Verbindung muss man vor allem in der Konfliktsituation spüren. Der Schlüssel für die große Veränderung ist Verbundenheit.

Verbundenheit ist der Schlüssel zum Konflikte lösen

Das klingt einfach, denn schließlich fühlt man sich seinem Kind doch verbunden. Zumindest meinen wir das. Dennoch können es die Kinder nicht immer fühlen, so wie in den oben beschriebenen Beispielen. Dann, wenn wir uns nämlich in unserer Vorstellung verrannt haben.

Vielleicht hattest du diese Gedanken auch schon einmal:

  • Wenn mein Kind schlechte Noten schreibt, wird es einen schlechten Schulabschluss machen und ein unglückliches Leben führen.
  • Wenn ich nicht dafür sorge, dass mein Kind immer alle Hausaufgaben richtig gemacht hat, bin ich eine schlechte Mutter.
  • Wenn mein Kind keine Ordnung in seinem Zimmer hält, wird aus ihm nie ein ordentlicher Mensch mit einem geregelten Leben werden können.

In den Momenten, in denen man nur diese eine innere Stimme hört, ist man nicht mit sich selbst verbunden und folglich auch nicht mit seinem Gegenüber.

Damit dein Kind (oder jemand anderes) sich mit dir verbinden möchte, musst du mit dir selbst verbunden sein.

Wie kannst du das schaffen?

Indem du Dinge tust, die dir guttun, wird die innere Verbindung hergestellt. Das fängt bei kleinen Dingen an, wie dem allabendlichen Fernsehprogramm. Frage dich, ob dir der Fernsehabend guttut. Ob du dich danach gut fühlst. Und wenn nicht, dann frage dich, was du stattdessen brauchst. Vielleicht ist es Musik hören, alte Fotos anschauen, einen Familienfoto-Band erstellen, spazieren gehen, ein Buch lese oder einfach nur in Stille eine Tasse Tee trinken.

Tue etwas, wobei dein Herz sich freut.

Bleibe nicht im Alltagshamsterrad gefangen nur, um den Alltag abzuarbeiten. Frage dich immer wieder: Tut mir das gut, was ich gerade tue? Wenn nein, dann lass es doch einfach! Gehe nicht mit einer Bekannten Kaffeetrinken, nur weil sie schon dreimal gefragt hat und du dich verpflichtet fühlst. Schaue nicht die Serie, nur weil dein Partner sie liebt, du dich danach aber jedes Mal gestresst fühlst. Bleibe nicht in alten Mustern hängen. Iss nicht mit Menschen, in deren Gegenwart du dich nicht wohl fühlst. Dafür braucht man auch keine großen Zeit Ressourcen.

Es kommt auf viele kleine Entscheidungen an. Einfach mal raus, einfach mal etwas anderes machen - tue es einfach trotzdem, auch wenn du denkst, du kannst nicht.

Jedes Kind schon hat ein natürliches Bedürfnis nach Autonomie, das hat nichts mit Egoismus zu tun und du solltest dich nicht schlecht fühlen, weil du Dinge tust, die dir gut tun.

Den Frieden wird man nie im Konflikt selbst finden, sondern dadurch, dass man sich wieder mit sich selbst verbinden kann. Es muss das lebendige Gefühl in einem erweckt werden, das man als Kind schon unterdrücken musste.

Du fragst dich, wann du auch dafür noch Zeit finden sollst?

Selbst unter den ungünstigsten Bedingungen kann man etwas tun, was einem gut tut. Statt zum Beispiel andere zu belehren, sollte man sich besser um sich selbst kümmern. Selbst, wenn du anderen „hilfst“, indem du sie verändern willst, hast du nicht deine Bedürfnisse gestillt, sondern folgst einer Vorstellung, dass es so gehen müsse.

Letztendlich gehst du dadurch in den Konflikt, du spürst dich selbst nicht mehr, weil du im Außen bist. Du bist nicht mehr liebevoll mit dir verbunden. Wenn du liebevoll zu dir bist, dann stillst du dadurch deine Bedürfnisse. Man ist dann kein Bedürftiger mehr und nicht von der Anerkennung anderer abhängig.

Wenn man beginnt, liebevoll zu sich selbst zu sein, verschwinden die Bedürftigkeiten. Man kann stattdessen anderen etwas schenken.

Man kann dem anderen die Liebenswürdigkeit schenken, die man in sich selbst gesät hat, gehegt und gedeihen ließ.

Dir wird es auf einmal leichtfallen, dein Kind mit seiner schlechten Note anzunehmen, dein Kind sich in seinem Chaos wohl fühlen zu lassen, dein Kind nicht durch deine Ängstlichkeit zu bremsen, sondern es selbstbewusst in die Welt ziehen zu lassen.

Der eigentliche Konflikt findet dann auf einer ganz anderen Ebene statt. Wenn du liebevoller mit dir bist, wirst du auch liebevoll mit anderen sein können. Und leichter Konflikte lösen.

Vielleicht denkst du jetzt, „aber dadurch lassen sich doch nicht die Hausaufgaben Probleme meines Kindes lösen!“. Und ich sage: Doch! Denn vielleicht hast du nur noch nicht genug Fantasie, um dir eine andere Lösung vorzustellen.

Was kannst du also tun?

Stelle deinen Rucksack ab, der voll gepackt ist mit Vorstellungen, die du dir im Laufe deines Lebens angeeignet hast (meist im Umgang mit deinen eigenen Eltern), lasse ihn stehen und ziehe weiter. Du darfst loslassen.

Wer einen liebevollen Umgang mit sich selbst gefunden hat, der muss nicht länger recht haben.

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Ich bin Silke Krämer.

Kinder- und Jugendcoach Professional, NLP Master und Coach, EMDR Traumatherapeutin und Gymnasiallehrerin

Ich helfe Familien, wenn es Schulstress gibt und daheim die Fetzen fliegen. Außerdem unterstützte ich Mütter und Väter dabei, sich den Herausforderungen des Familienlebens selbstbewusst zu stellen.

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Integrativer Kindergarten: Engagiert und liebevoll durch den Kindergartenalltag.

Integrativer Kindergarten: Engagiert und liebevoll durch den Kindergartenalltag.

Persönlichkeit

09-2023

In dieser Artikelserie stelle ich Menschen vor, die mit viel Liebe und Leidenschaft das Leben unserer Kinder verbessern. Nach den bedrückenden Ereignissen des Jahres 2020/21 ist mir umso mehr aufgefallen, wie viel Gutes es doch auf dieser Welt gibt – und dass es bei allen erschütternden Nachrichten auch immer Helden gibt, die sich direkt ins Geschehen stürzen, um gerade den kleinen Menschen in unserer Mitte zu helfen.

Diese Alltagshelden haben manchmal Arztkittel an, manchmal schreiben sie (noch) mit Kreide auf Tafeln und manchmal nennen wir sie ‚Mama‘. Doch bei allen Unterschieden haben sie eines gemeinsam: Eine unermüdliche Leidenschaft dafür, Kindern mit viel Liebe zu begegnen und die Welt und ihre Zukunft damit ein Stückchen besser zu machen.

Und noch eine Eigenschaft haben sie gemein: Alle stutzten, als ich ihnen den Titel dieser Serie nannte und entgegneten: „ Ich sehe mich eigentlich gar nicht als Held, denn ich tue doch nur meine Arbeit.“ oder die Mütter sagten „… ich bin doch kein Held, nur weil ich für mein Kind das Beste will und mir wünsche, dass es glücklich ist. Das ist doch normal!“

Natürlich ist das für einen Held für kleine Herzen „normal“, doch was wäre das kleine Herz ohne tatkräftige Unterstützung?

Integrativer Kindergarten - Interview mit einer Erzieherin

Unsere nächste Heldin: Karin, Erzieherin in einem integrativen Kindergarten.

Integrativer Kindergarten: In diesem Interview erhältst du einen spannenden Einblick in den Alltag einer Erzieherin. Das Interview gibt dir Impulse für dich und deine Kinder mit, die du selbst vielleicht umsetzen kannst oder damit (deine) Kinder noch besser unterstützen kannst.

» Weshalb sind Sie eine Heldin für kleine Herzen?

Karin: Zunächst habe ich mich nicht als Held in meiner Arbeit bezeichnen wollen, aber je mehr ich darüber nachdachte, umso mehr konnte ich mich mit dem Wort Held, im Zusammenhang mit „für kleine Herzen“, identifizieren.

Jedes einzelne Kind trägt etwas Wunderbares in sich, denn, es ist ein Geschöpf ganz unterschiedlich von allen anderen menschlichen Geschöpfen die es gibt und schon gab!

Es ist für mich ein Geschenk, diese Geschöpfe, diese kleine Herzen Tag für Tag und das drei bis vier Jahre lang, zu begleiten in derer Entwicklung. So gesehen gleicht kein Tag dem anderen, denn jeden Tag gibt es für die Kinder wieder Neues; neue Freude, neue Herausforderungen.

Ich als erwachsene Frau mit einer gewissen Lebenserfahrung darf mich stets wieder neu auf Kinderhöhe befinden. Mit meinen Hintergründen, mit meinen Freuden, mit den Herausforderungen vor denen ich stehe in meinem Leben. Die Kinder haben ihre Sorgen, Ängste, Trauer und die sind ernst zu nehmen!

Es ist schnell gesagt, „das ist nicht so schlimm“, aber für ein Kind ist es schlimm, wenn zum Beispiel das Kleid nass wird oder es im Kreis nicht neben einem bestimmten Kind sitzen kann. Ich nehme das Kind ernst mit seiner Trauer, mit seinen Ängsten, mit seinem Frust und mit seinen Freuden.

» Wie sind Sie zu Ihrer Arbeit in einem integrativen Kindergarten (anstatt in einem herkömmlichen Kindergarten) gekommen?

Karin: Ich bin Erzieherin und Sozialpädagogin und habe die Ausbildung und das Studium in den Niederlanden gemacht. Ich bin aus privaten Gründen nach Deutschland gekommen und habe mich „der Einfachheit halber“ in Kindergärten beworben, was ich zuerst nie vorhatte zu tun.

Doch um die Sprache besser zu lernen, hat mir das enorm geholfen. Ich bin damals (2003) schon in Frankfurt am Main bei der Lebenshilfe gelandet. Ich konnte zwischen zwei Einrichtungen wählen und habe mich direkt für den Kindergarten bei der Lebenshilfe entschieden. Dort war damals eine Gruppe von 15 Kindern, davon 5 mit Sonderförderbedarf.

Mir hat es dort schon sehr gut gefallen und als ich nach Heidelberg umgezogen bin, stand für mich fest, entweder wieder bei der Lebenshilfe zu arbeiten oder was ganz anderes zu suchen. Dieser Wunsch bei der Lebenshilfe zu arbeiten wurde erfüllt und somit bin ich schon wieder seit 12 Jahren in der Pusteblume der Lebenshilfe Heidelberg.

» Was macht die Arbeit in einer integrativen Gruppe so besonders?

Karin: Das ist eine ganz besondere Frage und ich könnte vielleicht fast schon ein Buch darüberschreiben.

Die Arbeit in einer integrativen Gruppe ist sehr wertvoll. Ich habe schon so viele wunderbare Sachen erlebt! Ja, auch herausfordernde, aber das Schöne überwiegt!

In meiner Gruppe habe ich 16 Kinder, davon sind 4 Kinder mit erhöhtem Förderbedarf und 12 sogenannte Regelkinder. Mittlerweile ist es so, dass viele Kinder, sowohl die mit, als auch ohne Sonderförderbedarf, aus unserer inklusiven Krippe kommen. Somit haben die meisten Kinder schon eine inklusive Erfahrung gemacht.

Die Kinder in diesem Alter haben selten bis nie Berührungsängste zu Kindern, die anders sind und manchmal werden sie als gar nicht anders wahrgenommen.

Es ist wunderbar zu sehen, zu hören, wenn ein Kind mit Sonderförderbedarf von einem anderen Kind genauso begrüßt wird wie jedes andere Kind, wenn die Kinder sich im Morgenkreis wahrnehmen, sich aussuchen miteinander zu Tanzen, zu Spielen!

Es ist so besonders, wenn wir im Adventskreis einander eine Kerze schenken und kein Kind ausgelassen wird.Die Kinder sind so aufmerksam, wer war schon dran und wer noch nicht! Das erfüllt mich mit Freude und Dankbarkeit, sowas miterleben zu dürfen!

Rückblicke

» Gibt es eine Geschichte, an die Sie sich gerne zurückerinnern, bei der Ihre Arbeit besonders wertvoll war?

Karin: Ich habe viele besondere Momente mit Kindern erlebt, aber eine Geschichte möchte ich hier hervorheben.

Als L. schon 4 war, kam er zu uns in die Gruppe, weil er in seinem alten Kindergarten nicht bleiben konnte. Er war dort quasi herausgeworfen worden. Ich habe sehr mit diesem Kind mitgefühlt und gespürt, dass dieses Kind sehr viel Liebe und Aufmerksamkeit bräuchte. Auf sehr intensive Weise habe ich ihn begleitet.

Er hat am Anfang sehr viel geschrien, er konnte sich nicht auf etwas einlassen. Ich bin immer in seiner Nähe geblieben und habe ihn nicht für sein Verhalten bestraft. Ganz im Gegenteil, ich habe gesagt, dass ich ihn verstehe, weil er zurück wollte zu seinem alten Kindergarten. Dann sprach er von Sachen, die nicht alle verstanden haben, aber dadurch, dass ich im gleichen Ort wohnte, konnte ich mit ihm darüber reden und das hat ihm sehr geholfen, sich mir gegenüber zu öffnen.

So habe ich ihn 2,5 Jahre begleitet - mehr als intensiv - mit Höhen und Tiefen. Sein Lächeln hat immer ein Lächeln in mein Gesicht gezaubert, dafür haben seine Schreiattacken mich auf dem Rückweg nach Hause auch viele Tränen und Energie gekostet. Dennoch war eine leichte Veränderung spürbar.

Ich wusste, dass ich ihn am Ende der Kindergartenzeit gehen lassen musste und ich ihn nicht länger auf seinem Weg begleiten kann. Ich konnte mir ausmalen, dass es sehr schwierig werden würde in der Schule. In den letzten Tagen vor den Sommerferien haben wir die Abschiedsbriefe für die Vorschulkinder vorgelesen. Ich hatte einen Brief für ihn geschrieben, worin stand, was für ein toller Junge er ist und dass sein Lächeln so schön sei und ….. Er hörte zu und sog alles wie ein Schwamm in sich auf.

Als ich fertig war mit lesen, fragte er mich sofort, ob ich das nochmals vorlesen könnte! Später, wenn er selber lesen kann, hoffe ich, dass er das noch oft lesen wird und zurück denken kann an eine schöne Kindergartenzeit.

Beim Sommerfest habe ich ihm seine Schultüte mit Bagger überreicht und ihm gesagt, dass wir ihn nicht vergessen werden! Da sagte er, so dass jeder es hören konnte „ich werde dich auch nicht vergessen!“ Das war das schönste Geschenk, das ein Kind mir jemals gemacht hat. Wer weiß, welchen Samen ich in dieses Kind legen konnte und der später hoffentlich mal blühen wird!

Wenn ich dann im Spiel zwischen den Kindern in Rollenspielen beobachte oder höre, wie die Kinder untereinander sprechen, dann höre ich uns Erwachsene: Sie spielen das, was sie bei uns sehen und hören!

» Gibt es eine Geschichte, bei der Sie klar erkannt haben, dass das Kind hätte besser unterstützt werden können, doch das nicht möglich war? Wenn ja, was behinderte Ihre Arbeit?

Karin: Ja, auch solche Geschichten gibt es leider. Direkt ein Jahr nach L, kam ein Mädchen zu uns in die Gruppe. Auch sie war sehr schwierig in ihrem Verhalten. Es gab keine Diagnose.

Mehr und mehr kamen wir an unsere Grenzen, denn wir hatten den Eindruck, sie nicht zu erreichen. Wir haben die ganze Situation in der sich das Kind befand als sehr schwierig empfunden und wünschten uns eine psychologische Beratung für die Eltern und eine Behandlung für das Kind und auch eine Beratung für uns. Dies hat sich als sehr schwierig herausgestellt.

Angeblich hatten die Eltern Hilfe in Anspruch genommen, aber waren hiermit nicht zufrieden. Auch hier habe ich sehr viel Energie reingesteckt, allerdings mit weniger „Erfolg“. Als sich herausstellte, dass das Kind von der Schule noch ein Jahr zurückgestellt werden sollte, waren wir mit unseren Nerven schon am Anschlag. Dies haben wir auch im Team kommuniziert.

Die Eltern wünschten sich in der Zeit wieder einen Wechsel in ihre alte Gruppe (die aber nicht als solche wieder sein würde). Wir fühlten uns wie Versager. Wir sprachen noch darüber, ob dies nun wirklich eine gute Lösung für das Kind sein würde. Einerseits hätten wir es nicht noch ein Jahr kräftemäßig gepackt, andererseits wollten wir es auch nicht einer anderen Gruppe und somit den Kolleginnen aufdrängen. An diese Stelle haben wir uns gefragt, ob eine kinderpsychiatrische Behandlung sinnvoller gewesen wäre. Dies ist im Kindergartenalter wohl noch sehr schwierig.

Hier fühlte ich mich sehr alleine, denn die Hilfe, die wir benötigt hätten an Beratung und Unterstützung hat einfach gefehlt und hat auch im Jahr darauf in der anderen Gruppe gefehlt.

» Welche Voraussetzungen sind besonders wichtig für ein gesundes und glückliches Kinderleben?

Karin: Eine gute, starke und gesunde Bindung zwischen Eltern und Kind beginnend in der Schwangerschaft!

Dass es geliebt wird, so wie es ist! Dass ein Kind angenommen wird, so wie es ist! Dass das Kind fühlt, es ist gewollt! Dass ein Kind erfährt, dass es gut ist!

Dass es gesund ernährt wird, dass es genug Bewegung hat, dass die Eltern dem Kind Vertrauen schenken und es so auch andere Vertrauensbeziehungen aufbauen kann.

Wenn die Bindung zwischen Kind und Eltern stark ist, können die Eltern dem Kind Stärke vermitteln.

Integrativer Kindergarten: Gesellschaftliche Vorurteile?

» Wie sehen Sie gesellschaftliche Vorurteile gegenüber integrativen Kindergärten und Schulen? Was sind die Vorteile und ggf. Nachteile?

Karin: Integration ist in der Krippe und im Kindergarten gut zu leben. Allerdings braucht es auch genügend gutes und geschultes Personal.

Im integrativen Kindergarten gibt es viele Vorteile! Alle lernen voneinander und nicht „nur“ das Kind mit Behinderung von einem Kind ohne Behinderung! Kinder lernen viele soziale Fähigkeiten, zum Beispiel Geduld zu haben, wenn ein Kind nicht so schnell oder etwas noch nicht so gut kann. Sie lernen mit Stärken und Schwächen umzugehen und Freude an den kleinen Dingen zu haben, welche die Kinder erlernen.

Sie lernen, dass jedes Kind wichtig ist und seinen Platz hat. Sie erleben Unterschiede und lernen diese zu akzeptieren und anzunehmen. Sie lernen, dass jedes Kind angenommen wird - so wie es ist. Und sie lernen, dass jedes Kind seinen eigenen, individuellen Weg hat zu lernen.

Im Kindergarten habe ich es bisher sehr selten erlebt, aber von Schulen, an denen es Inklusionsklassen gibt, gehört, dass Eltern von nicht behinderten Kindern Angst hatten, dass die Kinder mit Behinderung die anderen ablenken. Dazu kann ich selbst wenig sagen, denn hier kommt es sehr auf die Behinderungsform an. Sicherlich haben auch Lehrer*innen großen Respekt vor dem Unterrichten in integrativen Klassen, denn sie sind oftmals nicht ausreichend geschult.

Es ist für Eltern von Kindern mit Behinderung auf jeden Fall eine sehr schwierige Entscheidung, auf welche Schule und in welcher Form sie ihr Kind einschulen können. Und nicht nur die Wahl der Schule ist eine große Frage, zusätzlich wartet auf die Eltern die ganze Bürokratie vorab, die sehr arbeits- und zeitintensiv ist. 

Schon mehr als einmal habe ich von ehemaligen Kindergartenkinder aus meiner Gruppe gehört, dass sie, nach einer inklusiven Einschulung, nach einer gewissen Zeit dann doch zu einer „Sonderschule“ (SPBZ) gewechselt haben.

» Was bringt den Kindern in ihrem alltäglichen Umfeld gerade am meisten Freude?

Karin: Die kleinen Highlights in einem normalen Alltag! Das können Erdnüsse beim Snack am Nachmittag sein, eine Turnstunde oder der Schwimmunterricht, eine Malaktion oder auch der Besuch in der Kinderwerkstatt sein.

Es kann auch die Begleitung von einem Kind zur Physiotherapie sein. Es kann ein intensives Spiel sein. Eine Handpuppe oder eine „Spielfigur“, die ein bestimmtes Thema oder Projekt für eine gewisse Zeit in der Gruppe begleitet.

Es kann aber auch das Vorlesen eines Buches sein. Das Spielen im Flur. Das Gespräch mit der Erzieherin. Das Quatsch machen mit den Erwachsenen.

Integrativer Kindergarten

Bild von tolmacho

» Was hat Sie zu Beginn Ihrer Arbeit überrascht / ist anders als erwartet?

 Karin: Je mehr Arbeitserfahrung ich habe, umso lebendiger und vielseitiger wird die Arbeit. Am Anfang meiner Berufszeit kam mir öfters mal der Gedanke: „Tag ein, Tag aus, Monat für Monat und Jahr für Jahr immer die gleichen Sachen, wie zum Beispiel Bastelarbeiten zu machen und die gleichen Lieder zu singen. Streitereien unter Kinder, Ausflüge und Feste, wiederholen sich immer.“ Wenn man es so betrachtet, stimmt das in gewisser Weise natürlich auch. Doch die Kinder, die Kolleginnen, die Umstände, die persönliche Entwicklung, usw., sind immer anders und das macht dann auch die Arbeit abwechslungsreich.

» Was würden Sie jemandem raten, der sich für Kinder einsetzen möchte und nicht weiß, wo er anfangen soll oder in welchem Bereich er oder sie das gerne tun würde?

Karin: Ich würde der Person raten, diverse Praktika in verschiedenen Bereichen, in denen mit Kindern gearbeitet wird, wie im Kindergarten, Krippe, Schule, Ergotherapie-Praxis, Hort, Kinderturnen, etc. zu machen.

Tipps für Eltern

» Was möchten Sie gerne Eltern mitgeben? Was können Sie jungen Eltern mitgeben, die diesen Artikel lesen.

Karin: Jedes Kind hat eine individuelle Entwicklung. Vergleichen Sie Ihr Kind nicht mit anderen Kindern. Folgen Sie Ihrem Bauchgefühl! Es muss nicht alles so laufen, wie es in einem Ratgeber steht.

Reden Sie mit Ihrem Baby schon während der Schwangerschaft, aber auch nach der Geburt. Auch wenn es noch nicht versteht, was Sie erzählen, ist es dennoch wichtig für die Sprachentwicklung. Lassen Sie Ihr Kind so oft wie möglich auf dem Boden liegen, auch in Bauch- und Seitenlage. Machen Sie Babygymnastik. Gehen Sie viel mit Ihrem Kind raus.

Lassen Sie Ihr Kind sich in seinem Tempo entwickeln. Das bedeutet, dass es krabbelt, wenn das Kind so weit ist, dass es anfängt zu laufen, wenn das Kind soweit ist, ganz ohne Gehhilfen und Laufwagen, usw.

Und falls Sie merken, dass Sie an Ihre Grenzen stoßen oder mit Fragen herumlaufen, oder Ihr Bauchgefühl Ihnen sagt, dass etwas nicht stimmt, dann scheuen Sie sich nicht Hilfe in Anspruch zu nehmen. Machen Sie sich stark für Ihr Kind!

Seien Sie für Ihr Kind ein Beispiel, denn Kinder lernen durch Nachahmung. Darum hat unser Vorbild einen großen Einfluss auf das Kind.

Der Schriftsteller Pearl S. Buck drückt das so aus: „Wenn Sie Ihren Kindern unbedingt etwas geben wollen, dann geben Sie ihnen ein gutes Beispiel.“

Der chinesische Philosoph Konfuzius hat es so formuliert: „Erzähle es mir – und ich werde es vergessen, Zeige es mir – und ich werde mich erinnern, Lass es mich tun – und ich werde es behalten.

Haben Sie den Mut bereit zu sein an sich selbst zu arbeiten, um Kindern ein gutes Beispiel zu sein.

Kinder dürfen auch Grenzen erfahren. Wichtig ist es, sie ihnen zu erklären. Es gibt überall Regeln und Grenzen. Denn Kinder, die in einem sozialen Umfeld mit überschaubaren Grenzen aufwachsen, haben erwiesenermaßen weniger Angst. Sie entwickeln mehr Vertrauen in sich und ihre Umwelt und werden so auch konfliktfähiger.

» Welche Möglichkeiten Sehen Sie, dass Eltern und Erzieherinnen zusammen an einem Strang ziehen?

Karin: Eltern sind die Experten für ihre Kinder! Die Erzieherinnen haben eine Ausbildung, manchmal ein Studium, machen Fortbildungen in verschiedenen Bereichen und haben mehr oder weniger Berufserfahrung. Wichtig in der Zusammenarbeit zwischen Eltern und Erziehrinnen, finde ich, dass es eine gegenseitige Wertschätzung gibt und dass es in der Zusammenarbeit um das Wohl des Kindes geht.

Es geht nicht darum, dass wir als Erziehrinnen etwas besser wissen oder jemand belehren wollen, sondern vielmehr darum, dass wir die Kinder viele Stunden am Tag in einer anderen Umgebung beobachten und erleben. Wir sehen, wie es sich entwickelt oder wo die Entwicklung stockt. Ich habe nie die Absicht defizitorientiert zu bewerten, sondern unser Ziel ist es, das Potenzial eines jeden Kindes zu sehen und ihm die Möglichkeit zu geben, dass es in seinem vollen Potenzial leben kann.

Für mich sind regelmäßige Entwicklungsgespräche eine optimale Möglichkeit. Wir berichten den Eltern von unseren Beobachtungen und im Gespräch merken wir, ob diese mit den Beobachtungen der Eltern, übereinstimmen. Hinzu kommen die "Tür und Angel"-Gespräche. Diese empfinde ich ebenfalls als sehr wichtig. Dabei muss es noch nicht einmal immer um das Kind gehen. Sondern hier habe ich die Möglichkeit, mit den Eltern in Kontakt zu treten, um sich besser kennen zu lernen.

Eine weitere Möglichkeit ist eine Hospitation von einem Elternteil in der Gruppe. Und auch Hausbesuche sind oftmals sehr hilfreich für alle Beteiligten.

» Wo stoßen Sie an Ihre Grenzen, was frustriert Sie bei Ihrer Arbeit?

Karin: Wenn wir als Erzieherinnen in Elterngespräche schwierige Dinge ansprechen, z.B., wenn wir uns nicht vorstellen können, auf Grund unserer eigenen Beobachtung und Erfahrung mit dem Kind, dass das Kind noch nicht eingeschult werden soll (abgesehen davon, dass wir das sowieso nicht entscheiden) und die Eltern das nicht annehmen können und eine ganz andere Wahrnehmung haben.

Oder auch, wenn unsere Anliegen nicht angenommen werden, z.B. was ein gesundes Frühstück angeht.

Es passiert auch, dass wir immer die gleichen Eltern an Dinger erinnern müssen, seien es Unterschriften oder sonstige Dinge. Das ist sehr frustrierend. Also, eigentlich eher die Arbeit mit den Eltern, wenn sie nicht gut läuft, als die mit den Kindern.

Ich möchte nicht noch die Eltern „miterziehen“.

» Was würden Sie sich für die Kinder in Zukunft wünschen?

Karin: Das immer mehr Erwachsenen, seien es Eltern als auch Pädagogen, sich mehr bewusst werden, wie sie mit Kindern umgehen und welche negative und positive Folgen unser Umgang mit den Kindern hat.

Die Art der Kommunikation, die Art der Wertschätzung und Anerkennung. Sodass immer mehr Kinder das Glück erfahren dürfen, dass sie angenommen, gewollt und geliebt werden, so wie sie sind. Dass sie mehr positive Erlebnisse habe, auch in der Schule. Dass das, was richtig war, unterstrichen wird, statt immer auf Fehler hinzuweisen. Dass Kinder in ihren Stärken gestärkt werden und bei den Dingen, in denen sie sich noch schwertun, die nötige Unterstützung bekommen. Dass Lernen mehr mit Bewegung kombiniert wird! Und das weniger bewertet wird.

Und ich wünsche mir, dass die Kinder sich so entwickeln können, dass sie zu glücklichen Menschen werden, die wissen, dass sie etwas bewegen können, weil sie stark sind!

» Karin, ich danke Ihnen von Herzen für dieses Interview.

Du möchtest noch weitere Helden für kleine Herzen kennenlernen?

Hier kannst du Teil 1 & 2 nachlesen:

Mit Liebe und Geduld zu einer glücklichen Familie

Tirza hat als Mutter eines Sohnes mit neuro-psychiatrischen Problemen einen langen Weg des Lernens hinter sich. Ihre Geschichte ist dennoch aufmunternd für uns alle

>> Teil 1 lesen

Gutes Sehen: Den ganzen Menschen im Blick haben.

Augenarzt Dr. med. Thomas Katlun behandelt in seiner Praxis in
Heidelberg Kinder, Jugendliche und Erwachsene mit einem ganzheitlichen Ansatz.

>> Teil 2 lesen

Kennst du auch Menschen, die das Leben unserer Kinder verbessern? Wer ist für dich ein Held für kleine Herzen? Hinterlasse mir gerne einen Kommentar.

Und wenn auch du einen Beitrag zu dieser Blog Serie durch (d)eine Geschichte leisten möchtest, die vielleicht für andere Eltern die Initialzündung für einen für sie Heilung bringenden Weg sein kann, schreibe mir gerne eine Nachricht.

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Ich bin Silke Krämer.

Kinder- und Jugendcoach Professional, NLP Master und Coach, EMDR Traumatherapeutin und Gymnasiallehrerin

Ich helfe Familien, wenn es Schulstress gibt und daheim die Fetzen fliegen. Außerdem unterstützte ich Mütter und Väter dabei, sich den Herausforderungen des Familienlebens selbstbewusst zu stellen.

Als Trainerin für Reflexintegration helfe ich deinem Kind, damit ihm die Schule bei Konzentrations­schwächen, Lern- und motorischen Problemen leichter fällt.

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4+4 Gründe, warum Nein sagen so wichtig und oftmals so schwer ist

4+4 Gründe, warum Nein sagen so wichtig und oftmals so schwer ist

Persönlichkeit

04-2023

Erfahre, warum es so wichtig und gleichzeitig schwer ist, Nein zu sagen und Grenzen zu setzen. Erfahre außerdem, wie du liebevoll und selbstbewusst Grenzen setzen kannst, um eine gesunde Beziehung zu deinem Kind aufzubauen. Und warum ein Nein auch ein Geschenk an dein Kind sein kann.

nein sagen lernen in der erziehen

Bild von Lisa Runnels

Nein sagen bedeutet Sicherheit geben

„Wissen Sie“, sagt die enttäuschte und erschöpfte Mutter zu mir:

„Am Wochenende habe ich es ihm wieder gesagt, dass er etwas für die Schule tun muss und jetzt nicht raus kann mit seinem Freund, weil er davor den ganzen Tag vor dem Computer gezockt hat.“

Und sie erklärt mir langatmig, was sie ihm gesagt hat.

Ich frage sie, ob sie ihm das zum ersten Mal gesagt hat?

Sie verneint: „Ach was, das habe ich ihm schon hundert Mal gesagt!“

Ich frage sie, warum sie es ihm dann WIEDER erklärt hat?

Sie ist verzweifelt und fragt, was sie denn stattdessen tun solle?

Dann rutscht ihr raus, dass es ihr nie besser gehen wird, solange sich ihr Sohn so verhält.

Sie ist traurig und ratlos.

Und es schwingen Vorwürfe durch den Raum.

 

Die Mutter wünscht sich von ihrem Sohn ein erwachsenes und fürsorgliches Verhalten ihr gegenüber.

Doch er verhält sich wie ein Kind - also eigentlich ganz normal.

Er bewegt sich entlang der Grenzen, die sie ihm setzt.

Da die Mutter es - aufgrund ihrer eigenen Geschichte - nicht schafft, ihrem Sohn Grenzen zu setzen, überschreitet der Junge die „Wunschgrenzen“ der Mutter. Er nimmt ihre Worte nicht mehr ernst, weil sie eine irreale, nicht vorhandene Grenze erklären.

Man kann ihm keinen Vorwurf machen.

Erschwerend kommt hinzu, dass er so langsam in ein Alter kommt, in dem man erwartet, er solle wissen, wo die Grenze sei. Aber das schafft er nicht selbständig, denn er hat es ja nicht gelernt.

Es ist ein bisschen so, als beschliesse mein Mann, ich solle abnehmen. Allerdings stellt er zu jeder Mahlzeit einen Nusskuchen vor meine Nase. Na klar nehme ich jedes Mal ein Stück - ich liebe Nusskuchen! Und es ist ja nur EIN Stückchen. Außerdem wollte er, dass ich abnehme, nicht ich. Meine Motivation ist also relativ gering.

Abends im Bett wirft er mir dann vor, dass ich so viel Kuchen gegessen habe. Dabei sollte ich doch abnehmen. Nun ja, er hat ihn mir doch hingestellt und ich wollte eigentlich gar nicht abnehmen, denn Nusskuchen essen macht mir Spaß.

So in etwa ist es mit der Zockerei.

Dem Jungen macht sie Spaß und Lernen nicht. Also zockt er lieber. Außerdem steht der Computer in seinem Zimmer - so, wie der Nusskuchen vor meiner Nase - und ist immer verfügbar.

Die Situation ist verfahren.

Natürlich wird sich der Junge wehren, wenn man ihm jetzt die Spielzeit einschränkt. Es ist hart, auf einmal seiner „Freiheiten“ beraubt zu werden.

Außerdem hat er gelernt, dass es sich lohnt zu kämpfen, denn er gewann bisher immer. Also wird es einen riesigen Aufstand geben. Das weiß seine Mutter auch und deshalb fällt es ihr noch schwerer, ein NEIN auszusprechen.

Vier Gründe, die dich am Nein sagen hindern können

Doch was ist am Nein sagen so schwierig? Es ist doch nur ein kurzes Wort mit vier Buchstaben. Wo ist das Problem?

Warum das Nein sagen vielen so schwer fällt, hat verschiedene Ursachen. Manchmal kommen auch mehrere Gründe zusammen und die meisten resultieren aus der eigenen Vergangenheit.

1. Angst vor Zurückweisung

Wenn eine Mama Angst vor Zurückweisung hat, weil sie als Kind selbst immer gefallen musste, um von ihren Eltern Zuwendung, Aufmerksamkeit und Liebe zu bekommen, ist dieses Muster sehr fest und tief verankert.

Dann fällt es ihr als erwachsene Frau immer noch schwer, jemandem etwas zu sagen, was dem Gegenüber mißfallen könnte. In solch einem Fall gehen sofort die Alarmglocken los und lösen ein Gefühl der Unsicherheit aus.

Wenn das Kind dann anfängt zu toben und zu schreien und ein Machtkampf beginnt, verliert die Mama irgendwann die Nerven. Sie fühlt sich hilflos, ohnmächtig, verzweifelt und schuldig.

Wenn das immer wieder so ist, ist es genau dieses Muster, das dann immer wieder abläuft: Die Mutter weiß, dass sie Nein-sagen sollte, sie hat jedoch unterbewusst Angst vor Zurückweisung, weil das Nein auf Ablehnung treffen wird. Sie wird unsicher. Die Unsicherheit schwächt sie. Sie gibt am Ende nach.

2. Als Kind wurde die Mama mit ihren eigenen Bedürfnissen nicht gesehen

Sie durfte nie einen Aufstand machen. Das führte dazu, dass sie als Kind gelernt hat, ihre Bedürfnisse zurück zu stecken.

Nun ist das Nein sagen zwar zum Wohle des Kindes, doch fühlt es sich für die Mama so an, als wäre es „ihr“ Nein. Wenn man nie ernst genommen und gehört wird, lernt man nicht, seine Meinung und sich selbst zu vertreten. Also wird man es als Erwachsener auch nicht schaffen.

3. Das schlechte Gewissen

Die Mama hat ein schlechtes Gewissen, weil zum Beispiel die Geburt des Kindes schwierig war, sie getrennt lebt oder eine schwere Trennungsphase hinter sich hat.

Vielleicht galt es eine Tief-Phase im Leben zu durchleben, während derer wenig Zeit und Aufmerksamkeit für das Kind blieb, vielleicht gab es eine Depression in der Familie, oder das Kind war schwer krank.

Sie denkt dann, sie müsse alles wieder gut machen und packt ihr Kind deshalb in Watte.

4. Ein zu großes Harmoniebedürfnis

Durch ein zu großes Harmoniebedürfnis vernachlässigt die Mama ihre eigenen Bedürfnisse, was Stress und psychische Belastungen verursacht. Sie geht Streit und Ärger aus dem Weg.

Ursachen können ihre eigene Erziehung und ihr soziales Umfeld sein. Ein tief verwurzeltes Muster im Erwachsenenalter entsteht oft, wenn man als Kind es anderen immer recht machen musste.

All diese Muster sitzen tief im Unterbewusstsein. Wenn man sie nicht erkennt und auflöst, werden sie immer wieder hoch kommen und der Kreislauf wird so ewig weitergehen, bis das Kind auszieht. Doch dann geht es womöglich mit dessen Kindern genauso weiter.

Schon alleine um den Kreislauf zu durchbrechen lohnt es sich, das Nein sagen zu lernen.

Was passiert, wenn man seine alten Muster aufgelöst hat? Nein, man mutiert nicht zum Oberfeldwebel, der bei jeder Gelegenheit ein Nein durch den Raum schmettert. Man wird seinem Kind eine ruhige, gelassene und liebevolle Führungsperson sein, die sieht, was es wirklich braucht. Der Blick öffnet sich nach außen. Man ist selbstbewusst, konsequent und ehrlich.

Schafft man es, im richtigen Moment ein klares, ehrliches und liebevolles Nein zu sagen, wird das Kind viel lernen.

Vier Gründe, für die es sich lohnt, Nein sagen zu lernen

Kann ein Nein ein Geschenk für ein Kind sein?

Jeder Mensch hat die Grundbedürfnisse nach Nahrung, Schlaf, Wasser und Luft.
Genauso wichtig für das gute Gedeihen eines Kindes ist es, dass seine emotionalen Grundbedürfnisse befriedigt sind.

Diese sind: Liebe, Grenzen und Sicherheit.

1. Nein sagen bedeutet Sicherheit geben

Damit ein Kind sich sicher fühlen kann, sollten seine Hauptbindungspersonen ihm gegenüber zuverlässig, berechenbar und gerecht handeln. Das gibt dem Kind die Sicherheit, die es als junger Mensch braucht. Es möchte sich in sicheren Händen wissen, sich auf seine Eltern verlassen können und nicht die Verantwortung übernehmen müssen, für die es noch gar nicht reif genug ist, sie zu tragen.

In immer der selben Situation Nein zu sagen gibt diese Sicherheit. Das Kind lernt sein Gegenüber einzuschätzen. Das spart viel Energie und Reiberei, weil es nicht ständig hinterfragen muss. Es spürt, dass Mama oder Papa hinter dem stehen, was sie sagen und das gibt einen Rahmen vor. Einen Rahmen, in dem man sich sicher bewegen kann.

Ein Nein auszusprechen, weil man gerade wütend ist, weil der Chef auf der Arbeit einem blöd kam, ist nicht das Nein, um das es hier geht. Das Nein dient nicht zur Demonstration von willkürlicher Macht.

Wir sprechen über das wegweisende Nein.

Es ist in etwa so zu verstehen, wie beim Ostereier suchen das heiß und kalt. Das kalt wird nicht als Bestrafung empfunden, sondern als Wegweiser zum Ei.

2. Nein sagen bedeutet sich ernst nehmen

Wer keine Grenze durch ein klares „nein, das will ich nicht“, einfordert, vermittelt dem anderen, dass man ihn nicht ernst nehmen muss, weil er sich selbst ja gar nicht ernst nimmt.

Das Kind spürt, dass es Mama oder Papa rumkriegen kann durch Wutausbrüche, weil sich die Eltern selbst so unsicher sind. Das Kind übernimmt dann die Führung. Es weiß, dass es schlussendlich doch als Sieger aus dem Ring gehen wird, also bleibt es eisenhart.

Wie soll es auf die Idee kommen, Mama oder Papa zu respektieren, wenn sie sich selbst nicht respektieren?

3. Ein Nein stärkt die Resilienz

Impulskontrolle und Widerstandskraft bzw. Resilienz eines Kindes werden gestärkt, wenn es lernt damit zu leben, dass sich seine Wünsche nicht immer verwirklichen lassen.

Nur durch ein Nein kann es lernen, ein Nein zu akzeptieren.

Sicherlich wird es später im Leben mit einigen Neins klar kommen müssen, sodass sich diese Lektion auf jeden Fall lohnt.

4. Lernen, Grenzen zu respektieren

Im sozialen Miteinander ist es essentiell, die Grenzen der anderen respektieren zu können.

Wer aufgewachsen ist, indem er nur seine eigenen Bedürfnisse einfordert, jedoch nie auf die der anderen eingeht und deren Grenzen respektiert, wird es später schwer haben. Sei es bei der Teamarbeit im Job, im Sportverein oder im Freundeskreis.

Im schlimmsten Fall wird es ausgeschlossen werden.

Man tut dem Kind damit also wirklich keinen Gefallen.

Das Nein sagen lernen und ausprobieren

Auch wenn es viele Erklärungen gibt, warum man nicht Nein sagen kann, ist die Schwere der Konsequenz des Nicht-Nein-Sagens offensichtlich.

Meine Auflistung der Gründe, warum sich Nein sagen immer wieder lohnt, möchte dir dabei helfen, dich zu motivieren, nach deinen eigenen Mustern zu suchen, um sie auflösen zu können.

Nicht immer ist das einfach - und es ist möglich!

Übrigens gibt es auch Kinder, die lange Erklärungen hassen und eine klare Ansage bevorzugen. Probiere doch mal aus, welcher Typ dein Kind ist. Sag einfach mal nein und mache einen Punkt dahinter.

Warte ab, was passiert.

Vielleicht klappt es ja sogar und es ist viel einfacher, als du jemals gewagt hattest zu hoffen. Und du wirst sehen, dass jedes weitere nein immer leichter werden wird.

Gleichzeitig wird sich dein Kind entspannen, weil du zu einer zuverlässigen, berechenbaren und respektvollen Führungsperson geworden bist.

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Ich bin Silke Krämer.

Kinder- und Jugendcoach Professional, NLP Master und Coach, EMDR Traumatherapeutin und Gymnasiallehrerin

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Hochsensibilität bei Kindern: Wegweiser statt Problem

Hochsensibilität bei Kindern: Wegweiser statt Problem

Persönlichkeit

02-2023

Was bedeutet eigentlich Hochsensibilität bei Kindern?

Da unsere kleinen Menschen noch stark von uns abhängig sind, ist es uns als Eltern natürlich unglaublich wichtig, sie richtig zu unterstützen. Und da das Zusammenleben mit einem hochsensiblen Menschen manchmal auch das Gegenüber in besonderem Maße fordert, wünschen sich beide Seiten Unterstützung.

Schon lange liegt mir das Thema Hochsensibilität am Herzen. Doch - was genau ist denn Hochsensibilität eigentlich? Ist es nicht auch wieder so ein moderner Firlefanz?

Hochsensibilität ist keine Krankheit oder Diagnose, sondern vielmehr als bunter Blumenstrauß bestimmter Charaktereigenschaften zu verstehen.

Definition von Hochsensibilität

Hochsensibilität ist eine angeborene Verhaltensdisposition gegenüber neuen Umweltreizen, die mit Verhaltenshemmung, sensorischer Sensitivität, vertiefter Informationsverarbeitung, sowie erhöhter emotionaler physiologischer Reaktivität einher geht. (Aron & Aron und Jagiellowicz, 2012)

Entwurzelnder Sturm statt Wind unter den Flügeln: Warum ist hochsensiblen Kindern immer alles zu viel?

Wir alle wissen, was für einen großen Einfluss das Umfeld auf ein Kind haben kann: Wenn die äußere Welt stimmig ist, dann geht alles viel einfacher. Eine geliebte Erzieherin im Kindergarten und tolle Freunde in der Grundschule. Ein Lehrer in der siebten Klasse, der die Neugier weckt und fördert. Das alles wirkt wie Wind unter den Flügeln.

Doch was ist, wenn die Umwelt statt Wind unter den Flügeln zum Sturm wird, der einen Baum zu entwurzeln droht? Wenn wir merken, dass unsere Kinder überfordert sind, sich klein machen oder überkochen und ‚falsch‘ fühlen und gar nichts mehr geht? Oft führt dies, gerade in jungen Jahren, zu einem angespannten Eltern-Kind-Verhältnis.

Du fragst dich vielleicht: Was habe ich falsch gemacht? Warum zieht mein Kind, das in entspannten Situationen so klug und offen und toll ist, sich so oft zurück oder reagiert über? Warum ist immer alles zu viel?

Es kann zur Verzweiflung treiben, wenn man das Gefühl hat, dass das eigene Kind ein zartes Pflänzchen ist, dem die ‚echte Welt‘ zu viel ist. Schließlich wollen wir ja alle glückliche Kinder, die sich richtig entfalten können! Vor allen Dingen im sozialen Umfeld eines Kindes wie Kindergarten und Schule haben hochsensible Kinder oft Schwierigkeiten, weil sie mehr Freiraum und Ruhe brauchen und entweder sehr zurückgezogen oder extrem emotional reagieren, wenn sie überfordert sind.

So können ‚nette‘ Filme ein hochsensibles Kind tagelang wach halten, die ‚lustige‘ Musikstunde wird zum Grund für Kopfschmerzen und der ‚spontane‘ Stuhlkreis verursacht Bauchweh und Schweißausbrüche.

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Bild von Džoko Stach

Vielleicht rennt dein Kind auch bei bunten Geburtstagsfeiern aus dem Zimmer, oder es bricht in Tränen aus, wenn es vor Oma und Opa ein Geschenk auspacken soll – so oder so fällt das Kind auf, weil es in ‚normalen‘ Situationen deutlich reagiert. Und häufig wird das natürlich von anderen Personen kommentiert: Was ist denn jetzt schon wieder los? Warum ist das denn bitte ein Problem? So schlimm ist das doch nicht?

Du und dein Kind bekommen das ungute Gefühl, den tiefen Selbstzweifel, dass das sensible Verhalten ganz falsch ist: Ein Problem, das gelöst werden muss und keinen Zweck im Alltag hat.

An diesem Punkt begegnet uns das Thema Hochsensibilität. Es ist nicht etwa eine Krankheit oder Störung, sondern viel mehr ein Konzept, das uns dabei hilft zu verstehen, weshalb manche von uns sich von äußeren Reizen wie Geräuschen, anderen Menschen oder Unbekanntem schneller überwältigt fühlen. Wissenschaftlich gesehen ist bei diesen Personen nämlich einfach das Nervensystem anders ‚verkabelt‘, sodass diese Reize stärker und tiefer wahrgenommen werden.

Die verschiedenen Typen der Hochsensiblen

So gibt es nicht nur das typische Sensibelchen, den emotional-introvertierten Hochsensiblen, sondern man unterscheidet verschiedene Typen. Dennoch ist dieser Typ mit ca. 70% am häufigsten vertreten. Gerade, weil die anderen Typen nicht so bekannt sind, ist es wichtig, auch sie zu kennen, um die Hochsensibilität nicht mit anderen Störbildern zu verwechseln.

30% der Hochsensiblen sind extrovertiert, manche haben den sogenannten „sensation seeker“ Anteil in sich. Sie sind ständig auf der Suche nach Stimulation ihrer Sinneskanäle. Das kann mitunter zu extremer Risikobereitschaft führen.

Die Introvertierten sind wiederum neben dem empathisch Hochsensiblen in drei weitere Kategorien zu unterteilen: kognitiv hochsensibel, sensorisch hochsensibel (das wäre in extrovertierter Form der sensation seeker) und der spirituell hochsensibel.

 

  • Empathisch Hochsensible verfügen über ein ausgesprochen großes Einfühlungsvermögen für sich und andere. Sie erspüren atmosphärische Stimmungen und können sogar oftmals intuitiv die Beziehungsqualität zwischen den anwesenden Personen erfühlen.
  • Kognitiv Hochsensible: Dieser Typ kann sich sehr in ein Thema vertiefen und es analytisch und intellektuell durchdenken. So erkennt er komplexe Zusammenhänge oder Lücken im System. Seine Emotionen richten sich mehr nach innen und sind für andere Menschen nicht offensichtlich.
  • Sensorisch Hochsensible: Sie sind besonders empfänglich für Reize, die über die Sinne wahrgenommen werden. Sie sind, wenn ein übersensibler Geschmackssinn vorliegt, empfindlich bei der Auswahl von Speisen.
  • Spirituell Hochsensible: Sie haben Zugang zur immateriellen Welt, möglicherweise mit Wahrnehmung ausgestattet, die sich dem Rest der Allgemeinheit verschließt. Können sich von Schamanismus oder Religionen angezogen fühlen.

Wesenszüge von hochsensiblen Kindern: Schwächen, die auch Stärken sind

Selbstverständlich ist diese Erklärung stark vereinfacht und bei Interesse kann man viel, viel Fachliteratur finden, die alle Prozesse im Detail erklärt. Aber hier möchte ich vor allen Dingen eines verdeutlichen:

Hochsensibilität ist kein Fehler, der in Ordnung gebracht werden muss. Sie ist mehr als ein bunter Strauß an Charaktereigenschaften zu sehen, die in Summe unter der Klassifizierung hochsensibel gesehen werden kann. So, wie es eben Frühlingssträuße und Brautsträuße gibt, gibt es auch ‚hochsensible Sträuße‘.

Viel mehr geht es darum, das Umfeld so weit wie möglich anzupassen – beispielsweise durch Wahl eines richtigen Kindergartens – und dann für alle anderen Situationen dem Kind Werkzeuge an die Hand zu geben, damit es sich sicher und glücklich durch die Welt bewegen kann.

Hast du den Verdacht, dass dein Kind sich auf dem Spektrum in Richtung ‚hochsensibel‘ befindet, kannst du jetzt also erst Mal durchatmen. Was sich auf der einen Seite unter anderem als Unkonzentriertheit, Erschöpfung, schlagartigem Bedürfnis nach Rückzug / Ruhe oder psychosomatische Beschwerden äußern kann, bedeutet nämlich auf der anderen Seite, dass dein Kind die unglaubliche Gabe hat, seine Umwelt genau wahrzunehmen und dass es je nach Typ reflektiert, kreativ und/oder empathisch handeln kann! In moderner Sprache sind das ja alles höchst gewünschte ‚Soft Skills‘ ...

 

Stärken und Potenziale hochsensibler Kinder - je nach Subtyp

  • Gutes bis überdurchschnittliches Einfühlungsvermögen
  • Ausgeprägte Detailwahrnehmung
  • Schnelle Auffassungsgabe
  • Sehr gutes intuitives Empfinden (6. Sinn)
  • Kreativität, viel Phantasie
  • Hohe Reflexionsfähigkeit
  • Hohe Empathie-und Feinfühligkeit für eigene und Gefühle anderer
  • Verlässlichkeit
  • Ausgeprägter / starker GerechtigkeitssinnAusgeprägte Sozialkompetenz
  • Ausgeprägte, tiefe sensorische Wahrnehmung von Erlebtem
  • Oft starke Verbindung zu Tieren, Natur, Musik, Kunst, Dichtung
  • Gute Konzentration in ruhiger Umgebung
  • Mögen Ordnung und klare Strukturen
  • Körpergeschick
  • Künstlerische Talente
  • Gewissenhaftigkeit
  • Erst denken ... wollen das Große Ganze verstehen ... dann handeln
  • Hoher Eigenanspruch (Miniperfektionisten)
  • Früher und großer Wortschatz
  • Teilweise Hochbegabung
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Bild von ArsAdAstra

Erkenne die Wesenszüge bei Hochsensibilität als Wegweiser

Zum Glück beschäftigt sich unsere Gesellschaft immer mehr damit, wie wir Kinder je nach Persönlichkeit unterstützen können und so wächst auch das Bewusstsein für Hochsensibilität.

Die Amerikanerin Dr. Elaine Aron prägte den Begriff zwar erst Mitte der 1990er, doch uns fällt sicherlich allen ein Beispiel von einem Familienmitglied oder Bekannten ein, dessen Charakter wir aufgrund seines feinen Gespürs und dem Bedürfnis nach Ruhe als hochsensibel einstufen können. Das Thema ist also nichts Neues und auch nicht selten: es wird geschätzt, dass ca. 2 von 10 Menschen mit diesem vererbbaren Wesenszug ausgestattet sind.

In meinem Coaching-Alltag begegnen mir natürlich auch oft hochsensible Kinder. Über Fragebögen kann man schnell einen ersten Zusammenhang erkennen, auch wenn diese immer nur bis zu einem gewissen Grad zutreffend sind. Doch wenn entweder das Kind selbst, oder (in frühen Jahren) die Eltern, sich darin wieder erkennen, ist oft schon eine große Erleichterung zu spüren: Man hat das Gefühl, gesehen zu werden und plötzlich ist schwieriges Verhalten kein unüberwindbares Hindernis mehr, sondern ein wichtiger Wegweiser. Falls Sätze wie…

  • Die Stimmungen anderer Menschen beeinflussen mich
  • Kunstvolle Musik bewegt mich tief
  • Starke Reize (Geräusche, Chaos, ‚volle‘ soziale Situationen) stören mich
  • Ich bin ein gewissenhafter Mensch
  • Ich brauche Zeit für mich, um meine ‚Batterien aufzuladen‘

…ein Glöckchen klingeln lassen, dann sei beruhigt im Wissen, dass all diese Eigenschaften ‚nur‘ Wissen über die Struktur eines hochsensiblen Menschen sind. Sie sind ein Leitfaden für Lebensstrategien und eine Anleitung dafür, wie du die Umwelt am besten zum Vorteil deines Kindes gestalten kannst. Um mit den Worten der psychologischen Beraterin und Autorin Britta Karres zu sprechen, ist damit der erste große Schritt getan: Komm raus, ich seh dich!

Haben wir Hochsensibilität erst Mal als Wegweiser erkannt, sehen wir als Eltern nämlich auch, dass ein Kind auf keinen Fall in Watte gepackt werden muss und viel Angst fällt aus dem Alltag. Jetzt können wir über Strategien nachdenken: Wie kann ich mein Kind am besten unterstützen, damit aus diesem Wesenszug alle positiven Aspekte strahlen können?

Hochsensibilität ist keine Entschuldigung für jedes Verhalten.

Auch hochsensible Kinder brauchen Struktur und Grenzen. Grenzen, die sie definieren dürfen und die das Gegenüber akzeptieren soll ("Ich will die Tante nicht auf den Mund küssen") sowie Grenzen von außen, die auch von einem hochsensiblen Kind akzeptiert werden müssen im Bezug auf Disziplin und Struktur.

Es ist kein Grund, das Kind nur in Watte zu packen und mitunter kontraproduktiv, weil das Kind sonst das Gefühl bekommt, es hätte eine Art Behinderung/Einschränkung. Gerade das wollen wir nicht, sondern eine ressourcenorientierte Erziehung ist erstrebenswert. Die Erziehung ist ein wichtiger Faktor, ob das hochsensible Kind sein Temperament und seine Wesenszüge annehmen kann.

Wie kann ich mein hochsensibles Kind unterstützen?

Jede Methode, die das sympathische Nervensystem beruhigt und folglich das parasympathische aktiviert, ist hilfreich. Was im Speziellen am besten ist, hängt vom Alter des Kinder ab und von seinen individuellen Vorlieben. Je nachdem können altersgerechte Übungen wie Fantasie-Reisen, Meditationen, bestimmt Körperübungen und Entspannungsübungen unterstützen.

Auch die Reflexintegration kann hier Gutes bewirken.

Bei den Kleinsten helfen schon Entspannungsmusik und greifbare Dinge wie Kuscheltiere oder Knautschbälle oder Heilmittel wie Aromatherapie oder Dr. Bach Tropfen. Besonders hochsensible Kinder brauchen viel Raum für sich und die Möglichkeit für Pausen und Rückzug. Ein ruhiges Umfeld zu Hause ist wie ein sicherer Hafen!

Generell funktioniert das ‚Bauchgefühl-Prinzip‘ am besten: Probiere gemeinsam mit deinem Kind aus, was funktioniert und euch am liebsten ist. Vertraue bei diesen ersten Experimenten darauf, dass ihr eure richtigen Werkzeuge findet und mach dir keine Gedanken, wenn etwas mal nicht klappt!

Der Kern des Erfolgs liegt meiner Erfahrung nach nämlich gar nicht so sehr in der Lösung selbst, sondern vielmehr darin, dass dein Kind sich unterstützt fühlt und merkt, dass es da draußen auf Verständnis trifft. Das stärkt das Selbstbewusstsein ungemein und es wird jedes Mal etwas einfacher, dass dein Kind diese Unterstützung dann auch in sich selbst finden kann.

Auch wenn es immer wieder unangenehme Situationen geben kann, wenn vielleicht ein Lehrer sagt ‚Jetzt reiß dich doch zusammen, so schlimm ist es doch gar nicht‘ oder Ähnliches, so geben eure persönlichen Werkzeuge einen sicheren Halt und das Vertrauen, dass das eben eine blöde Situation war und der Fehler aber nicht bei deinem sensiblen Kind liegt.

Zu sich selbst zurückzukehren wird einfacher und mit jeder erfolgreich gemeisterten Hürde wächst die Resilienz des Kindes, also die Fähigkeit, wie ein Gummiball zurück zur Ruhe zu springen!

Ist ein Kind allerdings über einen längeren Zeitraum ungeeigneten Alltagsbedingungen ausgesetzt und reagieren die Personen in seinem Umfeld nicht adäquat auf seine hochsensible Veranlagung, kann als Resultat eine Verwechslung mit klinischen Störungsbildern auftreten, da sich die Symptome teilweise überschneiden. Oder es kann sich im ungünstigsten Fall gar eine Störung entwickeln.

Symptome, die man leicht verwechseln kann, sind Unkonzentriertheit, Vergesslichkeit, Erschöpfung, Gefühlsausbrüche, Schlagartiges Bedürfnis nach Ruhe/Rückzug, Selbstwertzweifel, psychosomatische Leiden.

Ebenso gibt es Schnittstellen zwischen Hochsensibilität und zum Beispeil AD(H)S, Autismusspektrumstörung, Hochbegabung, Trauma und wiederkehrenden Ängsten. Wenn du das Gefühl hast, dein Kind bewegt sich im Bereich dieser Schnittstellen, empfehle ich euch professionelle Unterstützung, bei der ihr euch gemeinsam wohl fühlt. Oft bringt eine dritte Person viel Klarheit und Ruhe in die alltägliche Struktur einer Familie und schon ein wenig Hilfe und Beratung bringen ungemeine Erleichterung.

So stärkst du die Resilienz eines hochsensiblen Kindes

Ein Kind braucht in jungen Jahren eine gute Bindungsperson als Co-Regulator. Nur so kann es lernen, seine eigenen Gefühle zu kontrollieren. Um diese Fähigkeit entwickeln zu können, ist es entscheidend, dass das Kind sich samt seiner herausragenden und manchmal übersprudelnden Gefühle oder Gefühlsausbrüche angenommen fühlt.

Es ist so wichtig, einen Zugang zur eigenen Gefühlswelt zu haben und vor allem, sich selbst zu spüren und sich dann mit diesem Gefühl angenommen zu fühlen.

Lernt ein Mensch, dass die eigenen Gefühle dafür verantwortlich sind, von den Mitmenschen abgelehnt zu werden, verliert er die Verbindung zu seiner Gefühlswelt. Er schiebt die eigenen Gefühle bei Seite, um sich dadurch nicht noch schlechter durch die Reaktion von außen zu fühlen.

Eine liebevolle und feinfühlige Begleitung durch die Eltern ist daher essentiell.

Zum Schluss möchte ich also nochmal betonen ...

  • Hochsensibilität ist kein Fehler, sondern eine Chance. Gerade, wenn Eltern sich schon frühzeitig damit beschäftigen, bietet das eine tolle Entwicklungsmöglichkeit für ein Kind.
  • Was andere lange verstecken ‚können‘ und sich erst im Laufe des Lebens zeigt, führt hier dazu, dass dein Kind von klein auf lernt, sich selbst neugierig und mit Liebe zu begegnen und ein Verständnis für das eigene Wesen zu entwickeln.
  • So wächst ein zufriedener Mensch heran, der es versteht, seine Umwelt so zu gestalten, dass er mit ihr in Harmonie leben kann. Und ist es nicht toll, dass wir als Eltern (und ich als Coach!) das begleiten dürfen?

Weiterführende Links | Kleidung ohne Nähte

Ich habe schon mehrfach Eltern kennen gelernt, die einfach total verzweifelt waren, weil es morgens zwei Stunden lang dauert, bis sie das Kind so weit hatten, um endlich aus dem Haus gehen zu können. Da könnte zum Beispiel Kleidung ohne Nähte Erleichterung bringen.

👉🏼 Kleidung ohne Nähte

https://shopthuasne.com/our-brands/smartknitkids

https://www.sensorysmart.co.uk/

https://www.sensorykidstore.com/touch/sensory-clothing/seamless-tagless/

👉🏼 Überblick über verschiedene unterstützende Kleidung:

https://www.taylorbugkisses.com/sensory-friendly-clothing

Weiterführende Literatur

Aron, E. „Das hochsensible Kind“ München, mvg Verlag, 2010.

Abriel, K. "Aber ich kann es doch spüren!" Hochsensibilität als Potential nutzen, 2019.

Karres, B. „Komm raus, ich seh dich!“ Wien, Festland Verlag, 2017.

Leuze, J. „Empfindsam erziehen, Tipps für die ersten 10 Lebensjahre des hochsensiblen Kindes“ Witten, Brockhaus Verlag, 2009.

Schorr, B. „Hochsensibilität Empfindsamkeit leben und verstehen“ Witten, Brockhaus Verlag, 2012.

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Ich bin Silke Krämer.

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Selbstfürsorge: 5 starke Begleiter

Selbstfürsorge: 5 starke Begleiter

Persönlichkeit

11-2022

Innehalten, Reflektion, Besinnlichkeit und innere Einkehr als Selbstfürsorge.

Alle Jahre wieder…

Ich weiß, ich weiß, es fühlt sich immer noch zu früh an, so etwas zu sagen. Doch wir sind wirklich nicht mehr weit von der Weihnachtszeit entfernt und so möchte ich eine Tradition daraus machen, euch einige Gedanken für die bevorstehenden Wochen und das neue Jahr weiterzugeben. Diese sind nämlich voller schöner Momente, wenn man sich nicht von Hektik und Stress anstecken lässt!

Seit einigen Wochen schwebt mir ein Gedanke durch den Kopf: Meine Jungs werden so schnell größer und älter, wachsen im direkten und übertragenen Sinne jeden Tag. Wenn sie mir von ihrem Alltag erzählen, fühle ich mich so oft an meine eigene Kindheit und Jugend zurückerinnert. Wie immer, ist man hinterher schlauer und manchmal wäre es tatsächlich toll gewesen, wenn mein Älteres-Ich mit meinem Jüngeren-Ich hätte sprechen können.

So frage ich mich, was ich meinem Jüngeren Ich gerne sagen würde.

Zeit für Selbstfürsorge: Wenn es irgendwie geht, lasse ich mir in der Vorweihnachtszeit oder zwischen den Jahren gerne bewusst Raum dafür, etwas zu reflektieren und nachzudenken. So oft fallen mir dabei spannende Dinge auf und diese ‚Leuchtturm‘-Momente bringen mich immer wieder zum Staunen und Nachdenken. Ich arbeite dann daran, diese Art von Erkenntnissen in meinen Alltag zu integrieren. Die Veränderungen, die sich daraus ergeben, darf ich erleben und bestaunen.

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Bild von tookapic

Reflektieren als Selbstfürsorge öffnet Raum für neue Wege

Nimm dir doch auch etwas Zeit (und wenn es nur 10 Minuten sind!) und beantworte still und leise für dich selber, mit Stift und Papier, worauf du in diesem Jahr besonders stolz bist und was du deinem Jüngeren Ich gerne sagen würdest!

Vielleicht hilft es dir gedanklich auf die Sprünge, wenn du Monat für Monat durchgehst, indem du deinen Kalender oder deine Handyfotos durchschaust.

Welche Herausforderungen hattest du in welchem Monat zu meistern, von welchen Gefühlen war das Jahr hauptsächlich geprägt, welche Highlights gab es, welche Meilensteine haben deine Kinder erreicht, worauf bist du besonders stolz, was hätte besser laufen können?

Schreiben bringt Klarheit

Schon im letzten Jahr habe ich darüber geschrieben, wie man sich mit einigen Fragen, Stift und Papier toll auf das neue Jahr vorbereiten kann. Lies diesen Beitrag hier gerne auf deinem Weg zur Selbstfürsorge noch einmal nach: »Plane in 5 Schritten dein Jahr im Lebensbereich Familie«

In diesem Jahr lautet mein Brief an mein Jüngeres Ich so:

Liebe Silke,

Ich weiß, dass du sehr stolz sein kannst auf das vergangene Jahr und wie du seine Herausforderungen gemeistert hast. Ich sehe aber auch, dass du es nicht immer fühlen kannst. Du sollst es dir zugestehen dürfen, seine Erfolge zu feiern. Erinnerst du dich noch an früher, als du vor Silvester schon immer deine schönen Jahresrückblicke geschrieben hast?

In der Ruhe liegt die Kraft

So gerne würde ich dir mitgeben, dass du dir ruhig Zeit lassen kannst. An dem Sprichwort ‚In der Ruhe liegt die Kraft‘ ist nämlich was dran. Wenn du unsicher bist, halte inne und spüre in dich rein. Frage dich: ist das in 5 Jahren noch wichtig? In 5 Monaten? 5 Wochen?

Häufig kommen uns alltägliche Entscheidungen viel dringender vor, als sie es eigentlich sind. Und auch die dritte schlechte Schulnote, oder dass du noch nicht weißt, was du studieren sollst, so wie viele andere, sind keine großen Katastrophen. Atme tief durch und vertraue dir selbst, denn du wirst immer deinen Weg finden – auch wenn dieser vielleicht mal nicht geradeaus, sondern durchs Gestrüpp führt und ganz anders verläuft, als erwartet!

Tipp für Eltern: Mach dir keine Sorgen, wenn deinem Kind mal langweilig ist oder es sich beschwert! Das kann bei den Kleinen natürlich einfacher zu ‚trainieren‘ sein als in der Jugend, aber Kinder jeglichen Alters profitieren davon, wenn sie mal auf sich selbst gestellt sind und nicht mit Entertainment oder Schul-Materialien versorgt werden.

Vielleicht könnt ihr wöchentlich eine halbe Stunde oder Stunde einführen, während derer sich die ganze Familie ohne Handys, Tablets usw. am Küchentisch trifft und jeder für sich eine kleine Aktivität macht (Lesen, Malen, …), um Abstand zu gewinnen und den Alltag zu entschleunigen?

Oder ihr baut es bewusst als Adventsritual in den Dezember ein.

Die einzige Konstante ist der Wandel

Außerdem, liebe Silke, möchte ich, dass du dich von dem, was alle anderen machen, nicht so eingeengt fühlst. ‚Sollen‘ und ‚müssen‘ sind zwei ziemlich doofe Erwachsenen-Wörter und ich wünsche mir, dass wir (du damals; ich im kommenden Jahr) diesen Zwang gemeinsam abschütteln!

Du musst keinen Kinderpunsch trinken, wenn dir doch jedes Mal die Nase kribbelt von den ganzen Gewürzen und du kannst auch ruhig ‚Nein Danke‘ sagen, wenn die Lisa dich wieder zum Filme-Abend einlädt, den du nie genießt. Gerade in der Weihnachtszeit merkst du doch, wie viel sich im Vergleich zum Jahr davor geändert hat: Reagiere ruhig auf diese Veränderung und mache dieses Jahr, was dir guttut!

Tipp für Eltern: Gerade in der Weihnachtszeit, wenn alte Freunde und Verwandte aus allen Löchern auftauchen und mit Einladungen winken, kann es schwer sein ‚Nein Danke‘ zu sagen!

Erlaube dir, bewusst zu entscheiden, welche der vielen (wunderbaren!) Traditionen für euch wichtig sind und welche nicht. Der Advents-Spaziergang mit den Großeltern kann beispielsweise Kraft schenken, während wöchentliches Plätzchen-Backen die ganze Küche für Tage ins Chaos stürzt.

Vielleicht reichen auch zwei Plätzchen Sorten, statt sieben?

Team Work Makes The Dream Work

Und zu guter Letzt, mein jüngeres Ich, vergiss nicht, dass du immer um Hilfe bitten kannst! Ich weiß, dass du immer so schnell wie möglich groß und erwachsen und selbstständig sein möchtest. Und von der Heimfahrt mit dem Bus nach dem Training in der 2. Klasse, bis zu deinem ersten Job und selbst verdientem Geld hast du auch bewiesen, dass du auf eigenen Beinen stehen kannst.

Manchmal jedoch ist um Hilfe fragen das Stärkste, was man machen kann. Denke auch heute dran, nicht einfach die Zähne zusammenzubeißen, sondern nach der Unterstützung zu fragen, die du brauchst. Du kannst Unsicherheit ruhig zugeben und wirst dadurch noch viel mehr und viel schneller lernen, als erwartet! Und außerdem noch wunderbare Verbindungen zu tollen Menschen knüpfen, wenn ihr Hand in Hand gemeinsam arbeitet.

Tipp für Eltern: Lass’ dich gerade in den Kindergarten- und frühen Schuljahren nicht davon verunsichern, wenn dein Kind etwas nicht so schnell wie andere kann. Es ist unglaublich schwer, unangenehmen Dingen offen entgegenzutreten und konkret zu formulieren, wobei man Hilfe braucht.

Das wissen wir ja alle – wegschieben ist doch soo viel bequemer! Du musst natürlich keine Gelegenheiten erfinden, in denen du deine Kinder um Hilfe bittest.

Doch manchmal können dir sogar deine Kinder eine Hilfe sein, die du nicht erwartet hättest. Das gemeinsame Gespräch über Geschehnisse, wie du dich als Erwachsener dabei gefühlt hast und wie dein Kind sich in solch einer Situation verhalten würde, bringt ungeahnte empathische Gedanken deiner Kinder zum Vorschein. Und wenn sie noch nicht da sind, dann lassen sie sich so entdecken.

Am besten (und schwersten!) lebst du deinen Kindern das ‚Team Work makes The Dream Work‘ vor und redest offen und ehrlich darüber, wenn du zum Beispiel auf der Arbeit nach Hilfe gefragt und diese angenommen hast.

Und damit wünsche ich dir und deiner Familie eine wunderbare Weihnachtszeit voller neuer Erinnerungen mit deinen Liebsten!

Mache dir ruhig viele Gedanken über die schönen Dinge im Leben und lasse alles, was gut läuft, größer werden – denn dadurch wird der Rest auch kleiner.

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Ich bin Silke Krämer.

Kinder- und Jugendcoach Professional, NLP Master und Coach, EMDR Traumatherapeutin und Gymnasiallehrerin

Ich helfe Familien, wenn es Schulstress gibt und daheim die Fetzen fliegen. Außerdem unterstützte ich Mütter und Väter dabei, sich den Herausforderungen des Familienlebens selbstbewusst zu stellen.

Als Trainerin für Reflexintegration helfe ich deinem Kind, damit ihm die Schule bei Konzentrations­schwächen, Lern- und motorischen Problemen leichter fällt.

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