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So hängen ADHS und frühkindliche Reflexe zusammen

So hängen ADHS und frühkindliche Reflexe zusammen

Kirsten Götzinger

06-2025

Wenn der Verdacht besteht, dass dein Kind ADHS hat oder die Diagnose bereits bekommen hat, stehst du als Mutter oder als Vater vor vielen neuen Herausforderungen. Du fragst dich vielleicht: Woher kommt das? Was bedeutet das für unseren Alltag? Was können wir nun tun? Während es zahlreiche Informationen über Strategien zur Bewältigung der Symptome gibt, wird eine entscheidende Dimension oftmals übersehen: die Rolle frühkindlicher Reflexe.

In diesem Artikel bringe ich euch als Eltern die Zusammenhänge zwischen ADHS und nicht vollständig integrierten frühkindlichen Reflexen näher. Ich erkläre spezifische Reflexe, deren Auswirkungen und biete dir praktische Tipps zur Reflexintegration und Stressreduktion an.

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Was sind frühkindliche Reflexe?

Frühkindliche Reflexe, auch primitive Reflexe genannt, sind automatische Bewegungsmuster, die in der frühen Kindheit auftreten und in den meisten Fällen innerhalb der ersten Lebensmonate integriert werden. Diese Reflexe sind evolutionär bedingt und sichern das Überleben eines Neugeborenen. Zum Beispiel sorgt der Suchreflex dafür, dass ein Baby die Brust oder Flasche findet. Der Greifreflex hilft ihm, sich festzuhalten, und der Schluckreflex sorgt dafür, dass der Säugling automatisch Nahrung schluckt, sobald sie seinen Mund innen berührt.

Diese Reflexe sind wie kleine „Programme“ im Nervensystem, die in der frühen Entwicklung aktiviert und dann im besten Fall nach und nach „integriert“ werden. Das bedeutet: Das Gehirn lernt, diese automatischen Reaktionen zu hemmen, weil sie im späteren Alltag nicht mehr gebraucht werden. Diese Hemmung ist vor allem Aufgabe des Frontallappens, also des Bereichs im Gehirn, der auch für Konzentration, Planung, soziale Kompetenz und Impulskontrolle zuständig ist.

ADHS, Impulskontrolle und frühkindliche Reflexe

Lass mich dir Impulskontrolle mit einem Beispiel erklären: Stell dir ein Kind vor, das schnell „ausrastet“, scheinbar grundlos losschreit oder einfach nicht zu stoppen ist. Diese Kinder sind nicht „ungezogen“, sondern sie kämpfen schlicht mit einem Gehirn, das Reize nicht so filtern kann wie bei anderen Kindern. Mehr zu frühkindlichen Reflexen erfährst du in meinem Blogartikel „Frühkindliche Reflexe – auf den Punkt gebracht“ (☛ Hier geht's zum Artikel)

Manchmal passiert es, dass ein oder mehrere frühkindliche Reflexe nicht vollständig integriert werden. Das kann unterschiedliche Gründe haben, z. B. Entwicklungsverzögerungen, Traumata in der frühen Kindheit oder zu wenig Bewegung in bestimmten Entwicklungsphasen, sowie zu frühes Sitzen oder Gehen mit Unterstützung.

Bleiben Reflexe aktiv, kann das weitreichende Auswirkungen auf das Verhalten, die Konzentration und die körperliche Entwicklung haben. Ein besonders interessanter Reflex in diesem Zusammenhang ist der symmetrisch-tonische Nackenreflex (STNR).

Der STNR unterstützt normalerweise den Übergang vom Krabbeln zum Sitzen. Wenn dieser Reflex aktiv bleibt, kann das Auswirkungen auf Haltung, Koordination und vor allem die Fähigkeit zur Selbstregulation haben.

Kinder mit einem aktiven STNR haben oft Schwierigkeiten, ruhig zu sitzen, den Kopf zu stabilisieren oder ihre Augen ruhig zu führen. All das kann sich auf die Konzentrationsfähigkeit auswirken. Ebenso erschwert ein aktiver Spinaler Galant Reflex das ruhige Sitzen.

Genau hier wird es interessant, denn Studien zeigen Zusammenhänge zwischen einem nicht vollständig integrierten STNR und typischen Symptomen bei ADHS, also einer Aufmerksamkeitsdefizit- / Hyperaktivitätsstörung, wie ...

    • Konzentrationsprobleme
    • Schwierigkeiten bei der Körperkoordination
    • Impulsives Verhalten
    • Grob- und feinmotorische Ungeschicklichkeit
    • Schwierigkeiten, still zu sitzen

Wenn wir über ADHS und frühkindliche Reflexe sprechen, kommen wir an einem weiteren Reflex nicht vorbei: dem Moro-Reflex. Er ist eine Art „Alarmanlage“ des Körpers und sorgt dafür, dass wir bei Gefahr blitzschnell auf plötzliche Geräusche oder Bewegungen reagieren können. Bei Babys zeigt er sich u.a. durch das plötzliche Ausbreiten der Arme, wenn sie erschrecken oder den Halt verlieren.

Wird dieser Reflex nicht gehemmt, bleibt das Nervensystem in ständiger Alarmbereitschaft. Das sympathische Nervensystem (Fight-or-Flight) ist dauerhaft aktiviert, denn Stresshormone wie Adrenalin, Cortisol und Noradrenalin zirkulieren vermehrt im Blut. Der Körper ist auf „kämpfen, totstellen oder fliehen" eingestellt. Das Kind ist ständig überreizt, hyperwachsam und nervös. Sinneseindrücke werden ungefiltert und übermäßig wahrgenommen, was Reizüberflutung und emotionale Überreaktionen zur Folge hat.

Viele Experten sprechen in solchen Fällen auch vom „Moro-Kind“, einem Kind, das scheinbar ständig „auf hundertachtzig“ ist, alles mitbekommt, auf Kleinigkeiten überreagiert und schwer zur Ruhe kommt. Diese Symptome können das schulische und soziale Leben erheblich beeinträchtigen.

Studien zu ADHS Symptomen und frühkindliche Reflexen

Die aktuellen Forschungsergebnisse zeigen einen deutlichen Zusammenhang zwischen nicht integrierten frühkindlichen Reflexen und ADHS-Symptomen. Viele Kinder mit ADHS weisen Anzeichen von motorischen Koordinationsstörungen, sensorischen Verarbeitungsproblemen und emotionaler Dysregulation auf. ADHS-Kinder zeigen häufiger aktive frühkindliche Reflexe, was Symptome verstärken oder komplexer machen kann.

Diese Symptome können teilweise durch die anhaltende Präsenz primitiver Reflexe erklärt werden, doch entsteht ADHS nicht allein durch aktive frühkindliche Reflexe. ADHS ist eine eingetragene psychische Erkrankung, die zwar nicht geheilt werden kann, aber sehr gut therapierbar ist, und zwar nicht nur durch Medikamente, sondern z.B. auch durch gezielte Reflexintegrationsübungen, also ein Training zur Reflexintegration.

Das sind Übungen, mit denen man das Nervensystem unterstützen kann, Reflexe nachträglich zu integrieren. Dabei werden durch bestimmte, wiederholte Bewegungsabfolgen die ursprünglichen Muster im Gehirn nochmals durchlaufen, damit das Gehirn die Chance bekommt, sie diesmal zu hemmen.

In meiner Praxis erlebe ich immer wieder, wie sich Alltagsbelastungen deutlich reduzieren lassen, wenn frühkindliche Reflexe nachträglich gehemmt werden. Die Betroffenen haben dann z. B. weniger Wutausbrüche, ein besseres Konzentrationsvermögen und eine bessere Körperkontrolle.

So können wir ADHS Symptomen ganzheitlich begegnen

Durch einen ganzheitlichen Ansatz kann sich das Wohlbefinden deines Kindes erheblich verbessern. Die Unterstützung bei der Reflexintegration kann nicht nur die motorische Kontrolle und das Lernen fördern, sondern auch zur emotionalen Stabilität beitragen. Außer Bewegungsübungen sind u.a. Alltagsstruktur, Resilienzförderung, Stressmanagement und Selbstakzeptanz wesentliche Bausteine.

Um den Alltag zu strukturieren, sind feste Abläufe und Rituale wichtig, die deinem Kind Sicherheit geben. Für eine Resilienzförderung deines Kindes kannst du seine Selbstwirksamkeit und emotionale Stabilität stärken. Stress bekommst du am besten in den Griff, indem du das Nervensystem deines Kindes beruhigst. Für eine wirkungsvolle Selbstakzeptanz ist es wichtig, dass du und dein Kind erkennen:

Niemand ist falsch, nur anders.

Wichtig: Nicht alle Kinder mit ADHS haben aktive Reflexe, und nicht alle Kinder mit aktiven Reflexen haben ADHS. Aber: Beides kann sich gegenseitig verstärken.

Ob frühkindliche Reflexe für dich oder dein Kind eine Rolle spielen, kannst du übrigens über meinen kostenlosen Onlinecheck herausfinden.

Kostenloser Onlinecheck Reflex­integration

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Ob frühkindliche Reflexe der Ursprung deiner Sorgen sein könnten, kannst du hier herausfinden.

Du erhältst unmittelbar eine individuelle Auswertung für dein Kind. Der Fragebogen prüft eine Vielzahl von erforschten Symptomen ab, die auf die Aktivität von frühkindlichen Reflexen hindeuten können. Der Check umfasst 105 Fragen in elf Bereichen rund um die Entwicklung deines Kindes.

Du erfährst, wie viele Indikatoren auf aktive Reflexe bei deinem Kind hindeuten und welche frühkindlichen Reflexe möglicherweise noch aktiv sind. Auf Wunsch sende ich dir die Auswertung sofort per E-Mail zu.

Praktische Tipps zur besseren Selbstregulation

Körperliche Übungen: Sportarten wie Schwimmen, Klettern oder Tanzen können die motorischen Fähigkeiten und Koordination deines Kindes verbessern. Für die Integration noch aktiver frühkindlicher Reflexe bedarf es eines gezielten Bewegungsprogramms, das auf die noch aktiven Reflexe abgestimmt ist.

Achtsamkeitsübungen: Führe Achtsamkeitsübungen im Alltag ein, um deinem Kind zu helfen, sich zu entspannen. Atemübungen oder einfache Meditationspraktiken können helfen, innere Ruhe zu finden und emotionale Regulierung zu fördern.

Pausen: Achte darauf, dass dein Kind im Alltag genug Pausen bekommt. Ständiger Input durch sich jagende tägliche Programmpunkte belasten das Nervensystem deines Kindes zusätzlich. Langeweile ist gesund.

Regelmäßige Routine: Schaffe eine konsistente Tagesroutine. Vorhersehbarkeit in den täglichen Abläufen gibt deinem Kind ein Gefühl von Sicherheit und Kontrolle, was Stress und Angst reduzieren kann. Wie einzelne Perlen auf einer Schnur kannst du bestimmte Abläufe bildhaft für dein Kind festhalten, so dass es weiß, was es in welcher Reihenfolge tun soll, z.B. bei der Morgenroutine vom Aufstehen bis zum Verlassen des Hauses.

Ernährung: Achte auf eine ausgewogene Ernährung, die reich an Omega-3-Fettsäuren, Vitaminen und Mineralstoffen ist. Eine gesunde Ernährung kann die neurologische Gesundheit fördern und die Symptome von ADHS verringern.

Schlafhygiene: Sorge dafür, dass dein Kind ausreichend Schlaf bekommt. Ein fester Schlafrhythmus, freie Zeit vor dem Schlafengehen von Bildschirmen und entspannende Aktivitäten wie Lesen können die Schlafqualität verbessern.

Offene Kommunikation: Pflege eine offene Kommunikation innerhalb der Familie. Besprich die Herausforderungen, die dein Kind erlebt, und arbeite gemeinsam an Lösungen, so dass dein Kind lernt, eigenverantwortlich zu handeln und seine Situation nicht einfach hinnimmt nach dem Motto: „Ich bin eben falsch und kann nichts dagegen tun.“

Professionelle Hilfe: Wenn du gefangen bist in deinen Herausforderungen, empfehle ich, professionelle Hilfe von außen anzunehmen, anstatt die Menschen in deinem Umfeld vollzujammern, die nur selten zur Veränderung beitragen können.

Neben den oben genannten Methoden ist es wichtig, ADHS nicht isoliert, sondern im Kontext einer ganzheitlichen Herangehensweise zu betrachten. Das bedeutet, emotionales, physisches und mentales Wohlbefinden miteinander zu verknüpfen.

Zeige Verständnis für die Herausforderungen deines Kindes und ermutige es, Selbstbewusstsein und Selbstwertgefühl zu entwickeln. Positive Verstärkung kann Wunder wirken.

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Vier alltagstaugliche Maßnahmen für weniger Stress

Wenn das Nervensystem in Alarmbereitschaft ist, ist der wichtigste erste Schritt: Beruhigung, und zwar regelmäßig und alltagstauglich. Hier ein paar bewährte Ansätze, die du sofort ausprobieren kannst:

1. Regelmäßige Bewegung – am besten an der Luft

Kinder brauchen Bewegung, um ihr Nervensystem zu regulieren. Besonders hilfreich sind Schaukeln, Hüpfen und Balancieren, also alles, was das Gleichgewichtssystem anspricht. Das können einfach ganz natürliche Bewegungen im Freien sein.

2. Ruhige, wiederholte Bewegungsübungen

Bestimmte Übungen aus der Reflexintegration, wie z. B. die Faultier-Übungen aus meinem Rexi-Kurs, helfen dem Gehirn, sich neu zu organisieren. Sie sind einfach durchzuführen, wirken aber tief.

3. Zuckerarme Ernährung

Zucker – besonders in Form von einfachen Kohlenhydraten – fördert Entzündungen im Körper und beeinflusst den Blutzuckerspiegel. Ein instabiler Blutzucker = instabile Emotionen. Achte daher darauf, dass sich dein Kind mit viel Gemüse, hochwertigen Fetten, Proteinen und komplexen Kohlenhydraten ernährt.

4. Unverträglichkeiten bei Nahrungsmittel prüfen

Einige Kinder mit ADHS reagieren empfindlich auf bestimmte Nahrungsmittel, z. B. Gluten, Milchprodukte oder Zusatzstoffe. Eine gezielte Auslassdiät unter fachlicher Begleitung kann hier wertvolle Erkenntnisse liefern.

Mein Impuls für dich

Wenn du das Gefühl hast, bei deinem Kind (oder bei dir selbst) könnten nicht integrierte Reflexe mit im Spiel sein, dann lohnt sich ein genauer Blick. Manchmal sind es genau diese „unsichtbaren“ Hintergründe, die erklären, warum Alltagsstrategien nicht greifen oder Verhaltensmuster sich nicht „wegtrainieren“ lassen.

Indem du die Integration frühkindlicher Reflexe in den Alltag deines Kindes einbeziehst und einen ganzheitlichen Ansatz verfolgst, kann sich die Lebensqualität deines Kindes verbessern und gleichzeitig den Stress, den ADHS mit sich bringen kann, reduzieren. Beginne schon heute, die ersten Schritte zur positiven Veränderung zu unternehmen, und beobachte, wie dein Kind in einer unterstützenden und liebevollen Umgebung wachsen kann.

Ich ermutige dich, euren individuellen Weg zu finden.

Es gibt nicht den goldenen Schlüssel bei ADHS, aber viele kleine Werkzeuge, die zusammen genommen einen echten Unterschied machen können.

Die Reflexintegration ist eines dieser Werkzeuge. Sie wirkt nicht „gegen“ ADHS, sondern für mehr Selbstregulation, Körpergefühl und Lebensqualität. Und oft ist genau das der Unterschied, der den Alltag leichter macht.

Wenn du mehr zu diesem Thema erfahren möchtest, lies gerne meinen Beitrag über die Hintergründe der Reflexintegration (☛ Hier geht's zum Artikel). Dort erkläre ich verständlich, wie frühkindliche Reflexe funktionieren und warum es sich lohnt, ihnen Aufmerksamkeit zu schenken.

Wenn du herausfinden möchtest, ob ein Reflexintegrationstraining für dich oder dein Kind hilfreich sein könnte, dann melde dich gerne bei mir für ein unverbindliches Kennenlerngespräch (☛ Hier geht's zum Terminkalender). Gemeinsam schauen wir auf eure individuelle Situation und überlegen, welche Schritte sinnvoll sind.

Du bist nicht allein. Manchmal braucht es nur den ersten kleinen Schritt in eine neue Richtung.

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Ich bin Silke Krämer.

Kinder- und Jugendcoach Professional, NLP Master und Coach, EMDR Traumatherapeutin und Gymnasiallehrerin

Ich helfe Familien, wenn es Schulstress gibt und daheim die Fetzen fliegen. Außerdem unterstützte ich Mütter und Väter dabei, sich den Herausforderungen des Familienlebens selbstbewusst zu stellen.

Als Trainerin für Reflexintegration helfe ich deinem Kind, damit ihm die Schule bei Konzentrations­schwächen, Lern- und motorischen Problemen leichter fällt.

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Autismus-Spektrum-Störung: Wie ich versuche, mein Kind zu verstehen.

Autismus-Spektrum-Störung: Wie ich versuche, mein Kind zu verstehen.

Kirsten Götzinger

10-2024

In dieser Artikelserie stelle ich Menschen vor, die mit viel Liebe und Leidenschaft das Leben unserer Kinder verbessern. Nach den bedrückenden Ereignissen des Jahres 2020/21 ist mir umso mehr aufgefallen, wie viel Gutes es doch auf dieser Welt gibt – und dass es bei allen erschütternden Nachrichten auch immer Helden gibt, die sich direkt ins Geschehen stürzen, um gerade den kleinen Menschen in unserer Mitte zu helfen.

Diese Alltagshelden haben manchmal Arztkittel an, manchmal schreiben sie (noch) mit Kreide auf Tafeln und manchmal nennen wir sie ‚Mama‘. Doch bei allen Unterschieden haben sie eines gemeinsam: Eine unermüdliche Leidenschaft dafür, Kindern mit viel Liebe zu begegnen und die Welt und ihre Zukunft damit ein Stückchen besser zu machen.

Und noch eine Eigenschaft haben sie gemein: Alle stutzten, als ich ihnen den Titel dieser Serie nannte und entgegneten: „ Ich sehe mich eigentlich gar nicht als Held, denn ich tue doch nur meine Arbeit.“ oder die Mütter sagten „… ich bin doch kein Held, nur weil ich für mein Kind das Beste will und mir wünsche, dass es glücklich ist. Das ist doch normal!“

Natürlich ist das für einen Held für kleine Herzen „normal“, doch was wäre das kleine Herz ohne tatkräftige Unterstützung?

Unsere nächste Heldin für ein kleines Herz ist A., Mutter eines Kindes mit Autismus-Spektrum-Störung.

Mein herzlicher Dank geht im Namen aller interessierten und betroffenen Eltern an A., die ihre Erfahrungen mit uns teilt.

Sie spricht eindrücklich darüber, wie sie erstmalig mit dem Thema Autismus-Spektrum-Störung konfrontiert wurde, wie ihr Umfeld, die Schule und die Familie darauf reagierten und was der Familie und ihrem Sohn besonders geholfen hat.

Besonders eindrucksvoll appelliert A. an das Verständnis betroffener Eltern. Sie ist zur wahren Expertin geworden!

Liebe Eltern,

 

wir sind eine 4-Köpfige Familie (Papa, Mama, Sohn (9 Jahre) und Tochter (7 Jahre)) und leben irgendwo in Norddeutschland. Unser Sohn ist diagnostizierter Asperger-Autist. Ich als Mama möchte Euch unsere Geschichte erzählen, auch wie es uns damit so ergangen ist. Vielleicht ist etwas dabei, was Euch vielleicht weiter helfen kann und wenn es nur ein bisschen Mut zusprechen ist.

 

Dass mit unserem Kind etwas anders ist, war rückblickend vom ersten Moment an klar. Es gab so viele Hinweise auf einen möglichen Autismus (die hier alle aufzuzählen wäre ein ganzes Buch wert), die wir als Eltern aber nicht recht greifen konnten. Leider gibt es immer noch sehr wenige echte Experten zum Thema Autismus und unter Fachleuten ist das Thema doch noch sehr unbekannt. Deshalb konnte anfangs keiner die Puzzleteile richtig zusammenbringen und wir fühlten uns nicht ernstgenommen und manchmal auch echt hilflos.

 

Für uns war die Diagnose am Ende eine totale Erleichterung!

 

A.

Helden für kleine Herzen - Teil 4

» Was war das Problem, mit dem du konfrontiert wurdest? Wie wirkte es sich auf dich, auf dein Kind, auf eure Familie und möglicherweise die Geschwister aus?

A.: Auffällig wurde es mit Beginn des Kindergartens. Das ist ja das typische Alter, in dem erste Besonderheiten des Asperger Autismus richtig zum Tragen kommen. Das erste Kindergartenjahr verlief recht ruhig. Es gab mal den ein oder anderen Hinweis: Er spielt ja schon viel alleine/gern alleine, mag sich nicht auf Spiele anderer einlassen, hasst Veränderungen, besonders spontane. Und das deutlichste: Er verweigert manche Aufgaben.

Wir hatten zu Hause auch immer mal wieder mit heftigen „Wut“-anfällen und extremer Verweigerung zu kämpfen – es war schon früh klar, dass da nicht immer der Wunsch, damit ein Ziel zu erreichen, dahintersteckte, sondern etwas anderes. Richtig greifbar war das aber alles nicht und helfen konnte uns auch keiner. Großeltern, Familie, Erzieher, Kinderarzt sagten: „Das ist normal, ihr müsst konsequent bleiben, das wird schon.“

Das wurde es aber nie so richtig. Konsequenzen zu ziehen, hatte nie den Erfolg, dass es beim nächsten Mal besser/anders wurde oder man anderweitig darauf aufbauen konnte. Daran zu scheitern fühlte sich unangenehm an und wir haben zunehmend an unseren Elternfähigkeiten gezweifelt. Dass man von anderen komisch angeguckt wird, ist da schon fast normal. Das Schlimmste aber ist, es wird einem unterschwellig Erziehungsversagen vorgeworfen! Das tut sehr weh!

Unsere Tochter hat lange versucht, mit besonders viel Einfühlungsvermögen auf ihren Bruder einzugehen. Einiges konnten wir als Eltern uns sogar abschauen. Inzwischen ist sie oft nur noch genervt; je älter sie wird, umso mehr bekommt sie von der Besonderheit mit und hat irgendwie kein Verständnis mehr – das ist sehr schade und ein echter Balanceakt.

Erste Auffälligkeiten

» Erinnerst du dich daran, wie es war und sich für dich anfühlte, als du das erste Mal das Gefühl hattest, dass „etwas nicht stimmt“ oder „anders“ ist?

A.: Im zweiten Kita Jahr wurde etwas anderes auffällig. Unser Sohn hatte in der Kita zwei ganz enge Freunde und die Freundschaft hält bis heute. Die drei verstehen sich nach wie vor fast blind. Aber natürlich gab es den Wunsch nach mehr Freundschaften, auch seitens anderer Kinder. Es gab immer wieder diese Tage, an denen er seinen Besuch stehen gelassen hat, wenn ihm eine Idee in den Kopf kam. Und er war nicht mehr davon abzubringen, bis seine Idee umgesetzt war.

Alle Versuche, ihn zurück zum Spiel mit seinen Freunden zu bringen, endeten grundsätzlich in massivem Protest und Geschrei. Auch der Versuch, seine Freunde in sein „Spiel“ mit einzubinden scheiterte, weil andere seinen Gedanken nicht folgen konnten oder es „nicht richtig machten“! Er zeigte keinerlei „Einsicht“ oder Interesse daran, dann mit seinen Freunden zusammen zu spielen.

Der Umgang mit seinen Freunden hat mich damals sehr betroffen gemacht – ich hatte das Gefühl, er sei ein Egoist. Und habe mich manches Mal darüber geärgert. Vor allem aber habe ich mich gefragt – warum? Freundschaft ist unserem Sohn so wichtig – warum tut er nichts dafür?

Aber heute ist mir klar – er konnte gar nicht anders! Zum einen besitzt er kaum Einfühlungsvermögen für die Bedürfnisse anderer und zum anderen musste diese Idee raus aus seinen Gedanken. Denn solange diese durch seinen Kopf geisterte, war er nicht mehr in der Lage, sich auf anderes zu konzentrieren, schon gar nicht auf soziale Aspekte einer Freundschaft.

Besonderheiten an der Autismus-Spektrum-Störung

» Welcher Weg ergab sich daraus?

A.: Diese Beobachtung gab mir den Anstoß, professionelle Hilfe zu suchen. Uns Eltern war da schon der Verdacht gekommen, dass möglicherweise Autismus dahinterstecken könnte, aber es war alles so vage und nicht richtig zu erklären. Der Sohn meines früheren Chefs ist ebenfalls Asperger-Autist und etwa 10 Jahre älter als unser Sohn. Mein Chef hatte mir da mehrfach von ähnlichen Situationen berichtet. Gleichzeitig hat er mich aber auch versucht zu beruhigen: Viele Sachen seien bei uns ja ganz anders und wir haben ja auch noch andere Probleme.

Heute weiß ich: Es schließt sich nicht aus. Die Diagnose heißt zurecht Autismus-SPEKTRUM-Störung und es ist tatsächlich ein Spektrum, ein Potpourri aus verschiedensten Eigenschaften und Besonderheiten! So gibt es Sachen, die für manche Autisten eine Riesenherausforderung sind, anderen aber wenig Schwierigkeiten bereiten und umgekehrt. Je nach Veranlagung im Spektrum, dem Umfeld und der akuten Situation.

Und da soll einer durchsteigen, der zum ersten Mal mit Autismus in Berührung kommt!?! Denn eines ist klar: nichts im Autismus ist bei irgendjemandem gleich: Es gilt: Kennst Du einen Autisten, kennst Du EINEN Autisten!

Nach Beratungen mit den Kita-Erziehern haben wir als Eltern Hilfe in einer Erziehungsberatungsstelle gesucht. Dies gab uns die Möglichkeit, einmal alle Merkwürdigkeiten zu erzählen und zu sortieren. Richtig weitergeholfen hat es uns letztlich nicht: Alle klassischen Erziehungsmethoden funktionierten schlicht nicht.

Mein Hinweis auf den Autismus- Verdacht wurde zwar zunächst ernst genommen, es wurden uns viele Fragen zu bestimmten Situationen gestellt. Das Ergebnis unserer Antworten war: Nein, es liegt kein Autismus vor. Aber leider wurde nur auf die klassischen Symptome geachtet: Er kommuniziert und er hat Freunde, was bedeutet, dass er kein Autist sei. Rückblickend denke ich: Schade, dass sich auch heute noch so wenig Profis wirklich mit Autismus auskennen, bzw. überhaupt daran denken! Bei uns hat es zu diesem Zeitpunkt schon viele Anzeichen gegeben.

Es wurde wieder versucht, unsere Schwierigkeiten und die Merkwürdigkeiten kleinzureden: Andere Eltern haben auch Probleme mit ihren Kindern, Eltern sein ist nicht einfach; gut, dass wir Hilfe gesucht haben, da sind wir uns der Probleme bewusst… Es hilft nur: konsequent sein, Struktur, geregelte Abläufe….

Tja…. ohne gewisse (mitunter sehr strenge) Regeln und Abläufe lief aber bei uns sowieso schon gar nichts. Eine Konsequenz einzufordern war noch schlimmer, als die eigentliche Aufgabe durchzusetzen. Aber noch strenger sein führte zu einem starren Korsett, bei dem dann jede Abweichung (vor allem, wenn sie von außen bestimmt war) zu riesigem Geschrei und erst Recht zur Verweigerung führte – dies war also keine Option. Auch die Zügel lockerer zu lassen, erzeuge Protest und Verweigerung. Aber warum bloß? Warum? Warum? Und was tun???

Es näherte sich das Ende der Kindergartenzeit und wir beschlossen, erstmal zur Ruhe zu kommen und den Schulstart abzuwarten. Es hatte sich alles ein wenig beruhigt. Mit vielen Erklärungen im Allgemeinen und Vorbereitung auf unbekannte Situationen (sofern möglich) lief es zu Hause einigermaßen. Es kamen weniger Katastrophenmeldungen aus dem Kiga. Ich hatte zwischendrin auch das Gefühl, unser Sohn wollte anders handeln, aber er kam aus der Rolle nicht mehr heraus. Also abwarten, was die Schule so bringt.

Autismus-Spektrum-Störung

Bild von Thomas G.

Autismus-Spektrum-Störung in der Schule

» Ergaben sich daraus auch Probleme in der Schule?

A.: Mit großem Enthusiasmus auf eine neue Chance meinerseits, aber auch mit gehörig Respekt vor den Anforderungen, begann die Schulzeit. Unser Sohn hatte sich bis dato noch keine einzige Minute auf die Schule gefreut – warum sollte er lesen und schreiben lernen, er war hervorragend 6,5 Jahre ohne klargekommen und hatte sich sein teilweise beachtliches Wissen erfragt, vorlesen lassen, gern Dokumentationen im Fernsehen geschaut, Bücher angeguckt – eben seinen Weg gefunden.

Die erste Schulwoche war megaanstrengend für ihn und er hat jeden Mittag geschlafen. Bis zu den Herbstferien lief alles soweit. Wir hatten so ein bißchen Mühe mit dem Erledigen der Hausaufgaben, aber wir haben uns durchgewurstelt. Schule ist eben ein gehöriger Einschnitt und letztlich doch ganz anders als Kindergarten und da muss man sich erstmal umstellen und dem Kind (und den Eltern) Zeit geben.

Doch nach den Ferien kamen die ersten Anrufe/ Nachrichten: Unser Sohn würde immer noch verweigern, er verhält sich unsozial, kommt mit Veränderungen nicht klar, ist gleichzeitig sehr empfindlich. Im neuen Jahr gab es ein Elterngespräch mit der Klassenlehrerin. Sie hätte zudem den Eindruck, er hätte vor Vielem (Unbekanntem) Angst, brauche lange, um sich auf etwas einzustellen, sei schwer zu motivieren und gäbe schnell auf. Sie hatte aber auch erkannt, dass er teilweise ein großes Wissen hat und meinte zum Abschluss: das wird schon! So haben wir uns durch das erste Jahr gekämpft!

Im ersten Schuljahr wurden schon viele Fakten zum Autismus zusammengetragen, aber leider konnte keiner die Verbindung herstellen. Meine Recherche zu dem Thema brachte mich nur in Teilen weiter. Ich fand meinen Sohn nur zum Teil im Autismus-Spektrum wieder. Vor allem diese Austicker tauchten nirgendwo auf, bei denen er sich am Ende oft nicht mal erinnern konnte, was vorgefallen war….

Inzwischen weiß ich, dass diese im Autismus-Spektrum ‚Overload‘, ‚Meltdown‘ und ‚Shutdown‘ heißen und die Ursache fast immer eine Reizüberflutung jeglicher Art ist. Gerade lernen wir gemeinsam, die Overloads zu erkennen und Gegenmaßnahmen zu ergreifen, bevor es richtig schlimm wird.

Auch das Verweigern ist ein typisches Symptom – oft hat es damit zu tun, dass etwas von der Routine abweicht und sich das Kind auf die neue Situation einstellen muss. Lässt man unserem Sohn etwas Zeit, dann erledigt er anschließend meist die Aufgaben. Und falls nicht, kann man ihn immer noch fordern!

 

Und wir? Wir fühlten uns irgendwie hilflos. Liegt doch etwas anderes vor, aber was? Liegt es an uns, müssen wir mehr fordern oder vielleicht fördern? Aber das Kind steht so schon am Limit und nun in den Ferien mit Schule ankommen??? Vielleicht kommt er über die Ferien ein wenig zur Ruhe…?

 

Leider ging es im zweiten Schuljahr genauso weiter. Nein, nicht genauso: viel schlimmer! Hausaufgaben waren nur noch Verweigerung und in der Schule fing unser Sohn an, Zettel zu zerreißen, wenn eine Aufgabe nicht so gelöst werden konnte, wie er es gewohnt war oder er es sich vorgestellt hatte. Beim Sportunterricht setzte er sich einfach auf die Bank und tat nichts mehr, wenn es um Gruppenspiele ging. Er weigerte sich, den Klassenraum zu verlassen, als es um einen unangekündigten Raumwechsel ging. Puh, was war da los???

(Ich bin übrigens sehr froh und total dankbar, dass seine Klassenlehrerin von Anfang an gesehen hat, dass sich hinter diesen Aufständen kein Trotz verbirgt. Aber weitergeholfen, unser Problem zu lösen, hat uns das leider auch nicht!)

Auf Anraten der Klassenlehrerin, haben wir nun doch psychologische Hilfe in Anspruch nehmen wollen und sind an eine psychologische Ambulanz geraten. Die erschien uns auf den ersten Blick hoch professionell. Der Ambulanzleiter persönlich nahm sich über 2 Stunden Zeit, sich alle unsere Probleme anzuhören. Er hat uns mehrere Fragebögen ausfüllen lassen und kam am Ende zu einer ersten Verdachtsdiagnose: oppositionelles Trotzverhalten. Und machte uns gleich Mut, das ließe sich gut behandeln, er hätte da auch schon eine Therapeutin im Auge, die hätte sehr gute Erfolge erzielt.

Oppositionelles Trotzverhalten? Das hörte sich ganz nach unserem Sohn an: verweigert (unangenehme) Aufgaben, gibt anderen die Schuld, wenn etwas misslingt, hat häufig Wutausbrüche, geringe Frustrationsgrenze, … .

Ursache: Eltern oder andere Betreuungspersonen, die bei Widerstand gegen eine Aufgabe, nachgeben. Hmh, da konnte ich mich nicht dran erinnern…oder vielleicht ganz wenige Mal – und das sollte ausreichen???

Behandelt wird das Ganze mit einer Verhaltenstherapie. Es gibt klare Regeln und Tagesabläufe und die Kinder sollen für ihr fehlerhaftes Handeln die logischen Konsequenzen zu spüren bekommen.

Da kamen uns schon die ersten ernsthaften Zweifel: Klare Regeln und Tagesabläufe haben wir aber so was von! Ohne die würde unser Sohn überhaupt nicht klar kommen! Und Konsequenzen sind ja genau das, was gar nicht funktioniert. Klar haben wir es fast immer geschafft, diese durchzusetzen – aber ohne Erfolg auf Besserung/ Veränderung beim nächsten Mal. Und was uns noch viel mehr Rätsel aufgegeben hat: Er erreichte mit seiner Verweigerung doch gar nichts – letzten Endes musste er die (Haus-) Aufgaben trotzdem erledigen und hatte am Ende schlicht weniger Freizeit.

Die Lösung ging schonmal nicht auf. Es passte einfach alles überhaupt nicht zusammen und die Therapie erzielte logischerweise null Erfolge und alles wurde nur noch schlimmer. Was war dann nur mit unserem Sohn los??? Leider schafften es die Therapeuten in der Ambulanz nicht, über „ihren Tellerrand zu schauen“ und blieben beharrlich bei ihrer Diagnose. Uns wurde sogar nachgesagt, wir würden die Therapie torpedieren, da sich keine Verbesserung einstellte. Unser Autismus-Verdacht wurde vom Tisch gewischt: „Diagnosen stellen bei uns die Therapeuten und nicht die Eltern!“ So sind wir leider viel zu lange in die falsche Richtung gelaufen.

Nach einem letzten Versuch mit einem Elterngespräch eine Klärung herbei zu führen, haben wir kurzerhand den Therapeuten gewechselt. Und endlich wurde mein Verdacht erhört – es gab einige weitere Fragebögen und Gespräche und: Unser Verdacht war die ganze Zeit in die richtige Richtung gegangen! Es besteht der Verdacht einer autistischen Störung. Welch Erleichterung! Unser Gefühl hatte uns nicht getrogen! Eine Überweisung in ein Autismuszentrum brachte endlich die Gewissheit: Autismus-Spektrum-Störung, also kein oppositionelles Trotzverhalten!

 

Eine wichtige Erkenntnis:

Abgesehen davon, dass in der Ambulanz der falsche Ansatz gewählt wurde, ist mir trotzdem heute eines eindeutig klar: Wir als Eltern haben nie dasselbe als logische Konsequenzen empfunden wie unser Sohn; das, was wir als logische Konsequenz gesehen haben, war für ihn überhaupt nicht die logische Folge. Und unser Einfordern hat nur zusätzlich Verwirrung und damit noch mehr Reize erzeugt! Folge: Komplett-Verweigerung!

Heute setze ich oft keine Konsequenzen mehr ein. Die Sachen, die wirklich wichtig sind, werden natürlich ohne wenn und aber eingefordert – damit haben wir genug zu tun! Bei allen anderen Sachen überlegen wir sehr genau, ob die Sache richtig wichtig ist oder wir nicht Fünfe gerade sein lassen können. Das erfordert ein bisschen Mut, aber wir haben auch schon festgestellt: Bisher ist die Welt nicht untergegangen!

Benötige ich doch mal Konsequenzen, sind diese im Vorfeld klar und unmissverständlich (nachfragen!) mit unserem Sohn besprochen. So haben wir im Falle eines Falles null(!) Akzeptanzprobleme! Das ist das echt tolle an Autisten: Sind Regel und Bedingung akzeptiert (weil logisch!), werden sie zu 100% befolgt! Doch das muss man erst einmal verstehen und wissen, um damit richtig umgehen zu können.

Diagnose Autismus-Spektrum-Störung und was sich daraus für uns ergab

» Ergaben sich daraus auch Probleme im sozialen Umfeld? Für dich, für dein Kind, für andere Beteiligte?

A.: Die Diagnose löste insbesondere in mir ein Gefühl der Befreiung aus und gleichzeitig pure Erschöpfung. Endlich waren wir davon befreit, „schlechte“ Eltern zu sein / eine schlechte Erziehung zu leisten. Ganz im Gegenteil, wir waren die ganze Zeit goldrichtig unterwegs und haben intuitiv vieles richtig gemacht. Aber dieser Kampf war anstrengend gewesen. Und nun ging es eigentlich erst richtig los!

Wir haben die Schule informiert – in erster Linie die Klassenlehrerin, aber auch die Fachlehrer. Das war Teil 1 und relativ einfach. Hier haben wir von allen großes Verständnis erfahren und auch eine gewisse Erleichterung – damit konnte man arbeiten! Das ist Teil 2 und dieser ist viel schwieriger.

Wir stecken noch mitten drin im Prozess. Es benötigt viel Verständnis, Wissen, Geduld und Fingerspitzengefühl, zum richtigen Zeitpunkt das richtige zu fordern, aber an mancher Stelle einfach mal Weitsicht gelten zu lassen. Und das jeden Tag aufs Neue! Das, was gestern kein Problem war, ist heute eine Riesenherausforderung. Manche Sachen, um die wir lange gekämpft haben, gehen von heute auf morgen ohne weiteres Zutun!

» Wie ging dein Kind damit um? War es einsichtig und erkannte das Problem selbst, war es traurig/verzweifelt/zurückgezogen/unbedarft/ ….?

A.: Inzwischen haben wir unserem Sohn auch erzählt, was mit ihm los ist, aber noch haben wir ihm keine Diagnose genannt. Ich glaube, es ist ihm schon im Kindergarten aufgefallen, dass er anders ist, andere Interessen hat ohne, dass es ihn groß gestört hat. Auch war das lange in der Schule kein Thema.

Seit einiger Zeit (er ist jetzt 9) hinterfragt er es aber doch zunehmend, da er gemerkt hat, dass anderen Kindern manche Sachen leicht fallen und ihm gar nicht gelingen wollen. Es war uns wichtig geworden, dass er versteht, dass seine Art zu denken und zu fühlen für ihn normal ist, aber auch, dass es anderen anders geht. Es fällt ihm schwer, das zu akzeptieren. Denn schließlich denkt sein Gehirn nicht nur für uns anders, sondern auch unsere für ihn.

Auch haben wir die Eltern seiner besten Freunde informiert und die Eltern der Klasse, was es mit den Besonderheiten unseres Sohnes auf sich hat. Der ein oder andere hatte sich so seine Gedanken gemacht. Auch hier kam großes Verständnis und Dank für die offenen Worte. Es tut einfach gut, wenn man nicht auf sich alleine gestellt ist.

» Wie wirkte sich die Situation auf deine Partnerschaft/Ehe aus? War das eine besondere Herausforderung für euch als Paar?

A.: Auch meinem Mann ist die Diagnose am Anfang sehr schwer gefallen und er mochte diese bzw. vielmehr die Besonderheiten und damit einhergehenden besonderen Regeln gar nicht hinnehmen und hat weitergemacht wie bisher, mit ausbleibenden Erfolg. Dann habe ich ihm immer wieder ein Stichwort geliefert und er konnte selbst recherchieren, hat vieles inzwischen verstanden und einen guten Weg gefunden, mit unserem Sohn umzugehen.

Dennoch ist es ein dauerhafter und mitunter sehr anstrengender Weg, Autisten zu begleiten.

Autismus-Spektrum-Störung

Bild von mimzy

Autismus-Spektrum-Störung in der Gesellschaft

» Was hat dir besonders geholfen? Welche konkreten Tipps hast du für andere Eltern im Bezug auf den Umgang mit einem Kind, das eine ASS Diagnose hat? Hast du eine Lösung für dich persönlich gefunden, wie du mit der Situation besser umgehen kannst?

A.: Eben weil der Weg so herausfordernd ist, ist es wichtig, sich soviel Wissen wie möglich zu dem Thema Autismus anzueignen. Nicht nur die reinen Fakten über die Symptome, sondern vor allem auch, wie sich Autisten fühlen, wie sie denken!

Es gibt heute so viele Möglichkeiten sich zu informieren, vor allem über das Internet. Dort gibt es leider auch viel Unsinn – aber ich finde man merkt schnell, ob die dort gegebenen Informationen weiterhelfen. Im Anhang findet ihr die Bücher, Blogs, Videos und Podcasts, die uns weitergeholfen haben.

Mir hat es sehr geholfen, Bücher zu lesen, die aus Sicht der betroffenen geschrieben wurden. Diese gibt es als Kindervarianten aber auch für Erwachsene. Das hat mir die Denkweise veranschaulicht. Es hilft zudem, sich die ein oder andere autistische Denk- und Verhaltensweise anzueignen. So kann man in Krisenzeiten dann Führung übernehmen, die dringend benötigt wird.

Es gibt viele, sehr gute Videos, wo Betroffene selbst oder Eltern ihre Sichtweise erzählen, auf etwas aufmerksam machen und an vielen Stellen wertvolle Hilfe liefern – manchmal bessere als Fachleute und Therapeuten.

Es gibt tolle Foren und einen klasse Podcast – ich habe auch den ein oder anderen Ersteller der Videos angeschrieben und um Unterstützung zu verschiedenen Themen gebeten. Hier habe ich viele Informationen und positive Rückmeldungen bekommen.

Es gibt bei uns in der Stadt auch eine Selbsthilfegruppe. Bisher habe ich dorthin keinen Kontakt aufgenommen – das ist einfach nicht meine Welt, das mag aber für jeden anders sein und es hängt sicher auch von der Gruppe selbst ab.

Für manche Autisten mag es hilfreich sein, eine Schulbegleitung zu haben. Dies lehnt unser Sohn ab, es würde ihn für sein eigenes Empfinden noch besonderer machen und damit noch mehr Stress erzeugen. Eine Schulbegleitung soll eine Hilfe sein und keine Strafe. In unserem Fall haben auch die Lehrer eine solche abgelehnt, da sie eher fürchten ein weiteres "Kind" in der Klasse sitzen zu haben. Und inzwischen läuft es in der Schule erheblich besser, mit kleinen Rückschlägen, besonders kurz vor Ferien.

Und ich habe viele dieser Informationen und Erfahrungen auch den Lehrern zu Verfügung gestellt, was sehr dankbar aufgegriffen wurde – man sollte nicht davon ausgehen, dass sich die Lehrer in irgendeiner Weise damit auskennen. Autismus ist, wie bereits erwähnt, selbst unter psychologischen Fachleuten ein weitestgehend unbekanntes Thema; Warum sollten sich Lehrer und Erzieher damit auskennen? Außerdem können so alle über dasselbe sprechen! Und es gab durchaus auch Tipps von den Lehrern zurück!

Gegenwind

» Welchen Hürden bist du begegnet?

A.: Eine Sache an der Schule hat mich allerdings sehr verletzt. Die Rektorin hatte um ein Gespräch gebeten: Eltern, Klassenlehrerin und Fachlehrer. Ich war nicht so richtig glücklich über ihren Wunsch – sie hat keinen Unterricht bei unserem Kind und ich fand, dass sie das nichts angeht. Das Ganze ist ja sehr persönlich. Auf der anderen Seite wussten die Eltern der Klasse bereits Bescheid, so konnte ich der Rektorin dies nicht gut verwehren. Ich musste allerdings allein zu dem Termin, mein Mann hat auf die Kinder aufgepasst.

Die Rektorin bat mich kurz zu erzählen, was es mit der ASS so auf sich hat, sie kenne das gar nicht, das sei ihr noch nie begegnet! Das hat mich sehr verwundert, denn sie ist eine erfahrene Lehrerin. Aber sei es drum, ist vielleicht wirklich zu unbekannt. So habe ich sehr kurz die Besonderheiten aufgezählt und dass diese Kinder an manchen Stellen sehr viel mehr Unterstützung benötigen als Klassenkameraden.

Als ich erläutern wollte, wie man damit gut umgehen kann, fällt sie mir ins Wort und sagt: Na, da hätte unser Sohn aber eine niedliche Besonderheit. Wir müssten uns aber schon im Klaren sein, dass auch besondere Kinder sich bei ihr an der Schule anpassen müssten! Und wann wir denn denken, dass unser Sohn selbstständiger wird?

Wie bitte? Ich war entsetzt und fassungslos!!! Wie kann sie eine solche Aussage treffen – wo sie mir zuvor erklärt hat, dass sie die ASS nicht kennt? Ich halte unseren Sohn doch nicht künstlich klein! Im Gegenteil: Wir wünschen uns sehr, dass unser Sohn später ein selbstständiges Leben führt und ich sehe uns auf einem guten Weg dorthin. Wenn das alles so einfach wäre und schnell ginge, säße ich nicht hier! Wo war die vielgerühmte Toleranz?

Ich war jedenfalls sprachlos (was selten vorkommt) und ich habe sofort den Raum verlassen. Später hat mich die Klassenlehrerin (wohlgemerkt Klassenlehrerin) angerufen und hat sich entschuldigt! Das war eine schlimme, schlimme Erfahrung und vermutlich wird es nicht die letzte gewesen sein. Der Kampf (es ist schade, dass man so kämpfen muss) wird spätestens an der weiterführenden Schule von Neuem beginnen.

Ich habe es letztlich darauf beruhen lassen, obwohl mir zuvor übelste Gedanken gekommen waren! Aber gegen Beton in Köpfen kann ich zum momentanen Zeitpunkt nicht viel ausrichten! Ich brauche die Energie für mein Kind und für diejenigen, die Lust darauf haben, mit Autisten zu arbeiten. Für diejenigen, die trotz aller Schwierigkeiten sich die Besonderheiten zunutze machen und dies als Bereicherung sehen! Und da gibt es in unserem Umfeld Gott sei Dank genug!

Appell

» Welchen Tipp hast du für andere Mütter? Was würdest du dir für autistische Kinder der Zukunft wünschen? Was für ihre Familien?

A.: Deshalb: Schaut mit Stolz auf eure Kinder. Guckt auf ihre Fortschritte und erfreut Euch daran. Lasst euren Kindern die Zeit, die sie brauchen, um selbst Wege zu finden und wenn sie noch so unkonventionell sind. Und helft ihnen, wenn ihnen selbst etwas wichtig ist, sie aber keine Lösung finden (können). Und überlegt, was wirklich wichtig ist im Leben und an welcher Stelle das Anforderungsprofil Abspecken verdient!

Noch viel wichtiger: Nehmt Eure Kinder wie sie sind – sie sind toll! Und dann kämpft für sie – da sie es selbst (noch) nicht können. Das kostet unendlich Kraft, die eh schon knapp ist. Aber wir Mütter können das! (und die Väter können uns gut unterstützen).

Klärt Eure Leute auf, sprecht offen. Macht allen im Umfeld klar, wie es Euren Kindern ergeht, wie sie fühlen und denken, wie sie ihre Umwelt wahrnehmen. Nehmt das Umfeld mit in die autistische Welt und erklärt, dass Eure Kinder sich das nicht ausgesucht haben und dass sie oft leiden. Nur durch Aufklärung kann man die Gesellschaft zur Toleranz erziehen!

Macht Euch und allen anderen bewusst: Es steckt keine schlechte Erziehung, fehlende innere Einstellung oder mangelnde Durchsetzungskraft dahinter. Unsere Kinder sind nicht boshaft, trotzig, verwöhnt oder faul. Sie besitzen eine Eigenschaft, die Autismus heißt. Und Nicht-Autisten, die sich in keinster Weise vorstellen können, was das bedeutet, haben festgelegt, es sei eine Abweichung von der Norm und damit eine Behinderung!

Aber wer wird hier behindert? Ich bin mir ziemlich sicher, dass unser Sohn seine reiche Welt gar nicht tauschen möchte, auch wenn er oft an seine Grenzen in unserer Welt gerät! Seine Welt bietet ihm soviel, die engen Grenzen unserer Welt behindern ihn! Er sieht die Welt tatsächlich mit anderen Augen, Ohren, Geschmäckern, Farben. Er hat immer 1000 Ideen, wovon etliche unkonventionell sind, aber grundsätzlich zum nachdenken und nachahmen anregen!

Soll ich ihn darin behindern, weil es mir oder womöglich jemandem anderen unkonventionell/ nicht der Norm entsprechend erscheint?

Zum Schluss noch eine Sache, die mir persönlich sehr am Herzen liegt: Wie mehrfach beschrieben, ist das psychologische Fachpersonal noch nicht unbedingt fit im autistischen Spektrum und vor allem im Umgang mit Betroffenen. Fragt eure Therapeuten, ob und welche Erfahrungen sie im Umgang mit Autisten haben und falls keine da sind, fragt, ob sie bereit sind, mit Euch diesen Weg gemeinsam zu gehen und vielleicht auch mal unkonventionell zu denken.

 

Solltet ihr an irgend einer Stelle ein merkwürdiges Gefühl bekommen und/oder eine Therapieform widerspricht auch nur im geringsten eurem Bauchgefühl, oder es bringt Euch überhaupt nicht weiter: Bitte, bitte habt den Mut, dies anzusprechen und im Zweifel den Weg abzubrechen!

 

Lasst nichts zu, wo Euren Kindern, der „Wille“ gebrochen werden soll und sie sich „endlich“ anpassen/neurotypisch verhalten sollen. Oder wenn ein Meilenstein von ihnen gefordert wird, den neurotypische Menschen als Normalität ansehen! Autismus ist keine Lebenseinstellung und man kann Autismus nicht um- oder wegtherapieren! Autist bleibt man ein Leben lang! Und nur weil bestimmte Eigenarten später nicht mehr sichtbar sind, heißt das nicht, dass sie verschwunden sind oder etwas „geschafft“ wurde! Möglicherweise musste der Autist lernen, diese zu unterdrücken und lebt nun gegen seine Natur, was ihn ernsthaft krank machen kann.

 

Lasst die Besonderheiten bei Euren Kindern zu und sucht nach kreativen Lösungen, wenn ein Verhalten überhaupt nicht zu tolerieren ist (was durchaus vorkommt und man das nicht aushalten muss). Wir haben gute Erfahrungen damit gemacht, sich selbst und dem Kind zunächst die problematische Verhaltensweisen bewusst zu machen: Was genau ist problematisch, für wen und warum, und was geht der Situation voraus? Kann der Auslöser nicht verändert werden, kann man anschließend versuchen, Stück für Stück das problematische Verhalten durch eine neue, unproblematischere Verhaltensweise zu ersetzen. Dies erfordert allerdings sehr viel Fingerspitzengefühl und setzt unendlich Geduld voraus und man ist auf die Kooperationsbereitschaft/das Verständnis um das Problem beim Autisten angewiesen.

Habt deshalb bei allen Vorstellungen und Erwartungen im Kopf: Ermöglicht den Autisten vorrangig so zu sein, wie sie sind und behindert sie nicht!

 

Das ist Inklusion!

Tipps für betroffene Eltern

Hier sind die genannten Quellen, die A. und ihrem Umfeld geholfen haben, die autistische Welt besser zu verstehen:

Youtube-Kanal:

  • Galoxee-Asperger-TV (hier erzählt eine Mama hauptsächlich vom Umgang mit ihrem autistischen Sohn, aber auch Tochter und Vater sind betroffen)
  • InsideAut (hier erzählt ein Erwachsener aus seiner Welt – er kann die autistische im Vergleich zur neurotypischen Sichtweise sehr gut erklären)
  • GirlfromPlanetAspie (jetzt: LennsArrival, eine junge Frau, die auch aus ihrer Kinder- und Jugendzeit erzählt)

Bücher:

  • Schattenspringer*
    • Daniela Schreiter
    • Comic, für ca. 10-Jährige – hiermit haben wir unserem Sohn seine Besonderheit nahegebracht
  • Alle anderen sind komisch*
    • Martina Grünbaum
    • Autistische Innenansichten und ein toller Blick auf die neurotypische Welt und ihre Regeln
  • Kinder mit Asperger einfühlsam erziehen*
    • Cynthia LaBrie Norall, Beth Wagner Brust
    • konkrete und umsetzbare Tipps zum Umgang – die Übersetzung liest sich etwas ungewohnt: Autisten heißen dort: unsere Freunde, dennoch sind die Inhalte wirklich gut

Podcast

  • Autistische Wahrnehmungen
    • ein autistischer und eine neurotypischer Mann sprechen in lockerem Plauderton, in späteren Folgen sind andere Gäste dabei; es gibt auf der zugehörigen Homepage der einzelnen Podcast sehr viele Querverweise auf Artikel, Fachbeiträge, Videos, Bücher zu angesprochenen Themen – hier lohnt es sich in jedem Fall weiterzulesen!

Blogs

Hier müsst ihr gucken, welche Beiträge EUCH weiterhelfen.

Und hier auch noch eine Jugendbuchempfehlung von mir, Silke, die auch verfilmt wurde:

  • Wunder*
    • R.J. Palacio, dtv Verlag
    • ausgezeichnet mit dem deutschen Jugendbuchpreis.

Du möchtest noch weitere Helden für kleine Herzen kennenlernen?

Hier kannst du Teil 1, 2 & 3 nachlesen:

Mit Liebe und Geduld zu einer glücklichen Familie

Tirza hat als Mutter eines Sohnes mit neuro-psychiatrischen Problemen einen langen Weg des Lernens hinter sich. Ihre Geschichte ist dennoch aufmunternd für uns alle

>> Teil 1 lesen

Gutes Sehen: Den ganzen Menschen im Blick haben.

Augenarzt Dr. med. Thomas Katlun behandelt in seiner Praxis in
Heidelberg Kinder, Jugendliche und Erwachsene mit einem ganzheitlichen Ansatz.

>> Teil 2 lesen

Integrativer Kindergarten: Engagiert und liebevoll durch den Kindergartenalltag.

In diesem Interview erhältst du einen spannenden Einblick in den Alltag einer Erzieherin. Das Interview gibt dir Impulse für dich und deine Kinder mit, die du selbst vielleicht umsetzen kannst oder damit (deine) Kinder noch besser unterstützen kannst.

>> Teil 3 lesen

Kennst du auch Menschen, die das Leben unserer Kinder verbessern? Wer ist für dich ein Held für kleine Herzen? Hinterlasse mir gerne einen Kommentar.

Und wenn auch du einen Beitrag zu dieser Blog Serie durch (d)eine Geschichte leisten möchtest, die vielleicht für andere Eltern die Initialzündung für einen für sie Heilung bringenden Weg sein kann, schreibe mir gerne eine Nachricht.

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Ich bin Silke Krämer.

Kinder- und Jugendcoach Professional, NLP Master und Coach, EMDR Traumatherapeutin und Gymnasiallehrerin

Ich helfe Familien, wenn es Schulstress gibt und daheim die Fetzen fliegen. Außerdem unterstützte ich Mütter und Väter dabei, sich den Herausforderungen des Familienlebens selbstbewusst zu stellen.

Als Trainerin für Reflexintegration helfe ich deinem Kind, damit ihm die Schule bei Konzentrations­schwächen, Lern- und motorischen Problemen leichter fällt.

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Hochsensibilität bei Kindern: Wegweiser statt Problem

Hochsensibilität bei Kindern: Wegweiser statt Problem

Kirsten Götzinger

02-2023

Was bedeutet eigentlich Hochsensibilität bei Kindern?

Da unsere kleinen Menschen noch stark von uns abhängig sind, ist es uns als Eltern natürlich unglaublich wichtig, sie richtig zu unterstützen. Und da das Zusammenleben mit einem hochsensiblen Menschen manchmal auch das Gegenüber in besonderem Maße fordert, wünschen sich beide Seiten Unterstützung.

Schon lange liegt mir das Thema Hochsensibilität am Herzen. Doch - was genau ist denn Hochsensibilität eigentlich? Ist es nicht auch wieder so ein moderner Firlefanz?

Hochsensibilität ist keine Krankheit oder Diagnose, sondern vielmehr als bunter Blumenstrauß bestimmter Charaktereigenschaften zu verstehen.

Definition von Hochsensibilität

Hochsensibilität ist eine angeborene Verhaltensdisposition gegenüber neuen Umweltreizen, die mit Verhaltenshemmung, sensorischer Sensitivität, vertiefter Informationsverarbeitung, sowie erhöhter emotionaler physiologischer Reaktivität einher geht. (Aron & Aron und Jagiellowicz, 2012)

Entwurzelnder Sturm statt Wind unter den Flügeln: Warum ist hochsensiblen Kindern immer alles zu viel?

Wir alle wissen, was für einen großen Einfluss das Umfeld auf ein Kind haben kann: Wenn die äußere Welt stimmig ist, dann geht alles viel einfacher. Eine geliebte Erzieherin im Kindergarten und tolle Freunde in der Grundschule. Ein Lehrer in der siebten Klasse, der die Neugier weckt und fördert. Das alles wirkt wie Wind unter den Flügeln.

Doch was ist, wenn die Umwelt statt Wind unter den Flügeln zum Sturm wird, der einen Baum zu entwurzeln droht? Wenn wir merken, dass unsere Kinder überfordert sind, sich klein machen oder überkochen und ‚falsch‘ fühlen und gar nichts mehr geht? Oft führt dies, gerade in jungen Jahren, zu einem angespannten Eltern-Kind-Verhältnis.

Du fragst dich vielleicht: Was habe ich falsch gemacht? Warum zieht mein Kind, das in entspannten Situationen so klug und offen und toll ist, sich so oft zurück oder reagiert über? Warum ist immer alles zu viel?

Es kann zur Verzweiflung treiben, wenn man das Gefühl hat, dass das eigene Kind ein zartes Pflänzchen ist, dem die ‚echte Welt‘ zu viel ist. Schließlich wollen wir ja alle glückliche Kinder, die sich richtig entfalten können! Vor allen Dingen im sozialen Umfeld eines Kindes wie Kindergarten und Schule haben hochsensible Kinder oft Schwierigkeiten, weil sie mehr Freiraum und Ruhe brauchen und entweder sehr zurückgezogen oder extrem emotional reagieren, wenn sie überfordert sind.

So können ‚nette‘ Filme ein hochsensibles Kind tagelang wach halten, die ‚lustige‘ Musikstunde wird zum Grund für Kopfschmerzen und der ‚spontane‘ Stuhlkreis verursacht Bauchweh und Schweißausbrüche.

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Bild von Džoko Stach

Vielleicht rennt dein Kind auch bei bunten Geburtstagsfeiern aus dem Zimmer, oder es bricht in Tränen aus, wenn es vor Oma und Opa ein Geschenk auspacken soll – so oder so fällt das Kind auf, weil es in ‚normalen‘ Situationen deutlich reagiert. Und häufig wird das natürlich von anderen Personen kommentiert: Was ist denn jetzt schon wieder los? Warum ist das denn bitte ein Problem? So schlimm ist das doch nicht?

Du und dein Kind bekommen das ungute Gefühl, den tiefen Selbstzweifel, dass das sensible Verhalten ganz falsch ist: Ein Problem, das gelöst werden muss und keinen Zweck im Alltag hat.

An diesem Punkt begegnet uns das Thema Hochsensibilität. Es ist nicht etwa eine Krankheit oder Störung, sondern viel mehr ein Konzept, das uns dabei hilft zu verstehen, weshalb manche von uns sich von äußeren Reizen wie Geräuschen, anderen Menschen oder Unbekanntem schneller überwältigt fühlen. Wissenschaftlich gesehen ist bei diesen Personen nämlich einfach das Nervensystem anders ‚verkabelt‘, sodass diese Reize stärker und tiefer wahrgenommen werden.

Die verschiedenen Typen der Hochsensiblen

So gibt es nicht nur das typische Sensibelchen, den emotional-introvertierten Hochsensiblen, sondern man unterscheidet verschiedene Typen. Dennoch ist dieser Typ mit ca. 70% am häufigsten vertreten. Gerade, weil die anderen Typen nicht so bekannt sind, ist es wichtig, auch sie zu kennen, um die Hochsensibilität nicht mit anderen Störbildern zu verwechseln.

30% der Hochsensiblen sind extrovertiert, manche haben den sogenannten „sensation seeker“ Anteil in sich. Sie sind ständig auf der Suche nach Stimulation ihrer Sinneskanäle. Das kann mitunter zu extremer Risikobereitschaft führen.

Die Introvertierten sind wiederum neben dem empathisch Hochsensiblen in drei weitere Kategorien zu unterteilen: kognitiv hochsensibel, sensorisch hochsensibel (das wäre in extrovertierter Form der sensation seeker) und der spirituell hochsensibel.

 

  • Empathisch Hochsensible verfügen über ein ausgesprochen großes Einfühlungsvermögen für sich und andere. Sie erspüren atmosphärische Stimmungen und können sogar oftmals intuitiv die Beziehungsqualität zwischen den anwesenden Personen erfühlen.
  • Kognitiv Hochsensible: Dieser Typ kann sich sehr in ein Thema vertiefen und es analytisch und intellektuell durchdenken. So erkennt er komplexe Zusammenhänge oder Lücken im System. Seine Emotionen richten sich mehr nach innen und sind für andere Menschen nicht offensichtlich.
  • Sensorisch Hochsensible: Sie sind besonders empfänglich für Reize, die über die Sinne wahrgenommen werden. Sie sind, wenn ein übersensibler Geschmackssinn vorliegt, empfindlich bei der Auswahl von Speisen.
  • Spirituell Hochsensible: Sie haben Zugang zur immateriellen Welt, möglicherweise mit Wahrnehmung ausgestattet, die sich dem Rest der Allgemeinheit verschließt. Können sich von Schamanismus oder Religionen angezogen fühlen.

Wesenszüge von hochsensiblen Kindern: Schwächen, die auch Stärken sind

Selbstverständlich ist diese Erklärung stark vereinfacht und bei Interesse kann man viel, viel Fachliteratur finden, die alle Prozesse im Detail erklärt. Aber hier möchte ich vor allen Dingen eines verdeutlichen:

Hochsensibilität ist kein Fehler, der in Ordnung gebracht werden muss. Sie ist mehr als ein bunter Strauß an Charaktereigenschaften zu sehen, die in Summe unter der Klassifizierung hochsensibel gesehen werden kann. So, wie es eben Frühlingssträuße und Brautsträuße gibt, gibt es auch ‚hochsensible Sträuße‘.

Viel mehr geht es darum, das Umfeld so weit wie möglich anzupassen – beispielsweise durch Wahl eines richtigen Kindergartens – und dann für alle anderen Situationen dem Kind Werkzeuge an die Hand zu geben, damit es sich sicher und glücklich durch die Welt bewegen kann.

Hast du den Verdacht, dass dein Kind sich auf dem Spektrum in Richtung ‚hochsensibel‘ befindet, kannst du jetzt also erst Mal durchatmen. Was sich auf der einen Seite unter anderem als Unkonzentriertheit, Erschöpfung, schlagartigem Bedürfnis nach Rückzug / Ruhe oder psychosomatische Beschwerden äußern kann, bedeutet nämlich auf der anderen Seite, dass dein Kind die unglaubliche Gabe hat, seine Umwelt genau wahrzunehmen und dass es je nach Typ reflektiert, kreativ und/oder empathisch handeln kann! In moderner Sprache sind das ja alles höchst gewünschte ‚Soft Skills‘ ...

 

Stärken und Potenziale hochsensibler Kinder - je nach Subtyp

  • Gutes bis überdurchschnittliches Einfühlungsvermögen
  • Ausgeprägte Detailwahrnehmung
  • Schnelle Auffassungsgabe
  • Sehr gutes intuitives Empfinden (6. Sinn)
  • Kreativität, viel Phantasie
  • Hohe Reflexionsfähigkeit
  • Hohe Empathie-und Feinfühligkeit für eigene und Gefühle anderer
  • Verlässlichkeit
  • Ausgeprägter / starker GerechtigkeitssinnAusgeprägte Sozialkompetenz
  • Ausgeprägte, tiefe sensorische Wahrnehmung von Erlebtem
  • Oft starke Verbindung zu Tieren, Natur, Musik, Kunst, Dichtung
  • Gute Konzentration in ruhiger Umgebung
  • Mögen Ordnung und klare Strukturen
  • Körpergeschick
  • Künstlerische Talente
  • Gewissenhaftigkeit
  • Erst denken ... wollen das Große Ganze verstehen ... dann handeln
  • Hoher Eigenanspruch (Miniperfektionisten)
  • Früher und großer Wortschatz
  • Teilweise Hochbegabung
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Bild von ArsAdAstra

Erkenne die Wesenszüge bei Hochsensibilität als Wegweiser

Zum Glück beschäftigt sich unsere Gesellschaft immer mehr damit, wie wir Kinder je nach Persönlichkeit unterstützen können und so wächst auch das Bewusstsein für Hochsensibilität.

Die Amerikanerin Dr. Elaine Aron prägte den Begriff zwar erst Mitte der 1990er, doch uns fällt sicherlich allen ein Beispiel von einem Familienmitglied oder Bekannten ein, dessen Charakter wir aufgrund seines feinen Gespürs und dem Bedürfnis nach Ruhe als hochsensibel einstufen können. Das Thema ist also nichts Neues und auch nicht selten: es wird geschätzt, dass ca. 2 von 10 Menschen mit diesem vererbbaren Wesenszug ausgestattet sind.

In meinem Coaching-Alltag begegnen mir natürlich auch oft hochsensible Kinder. Über Fragebögen kann man schnell einen ersten Zusammenhang erkennen, auch wenn diese immer nur bis zu einem gewissen Grad zutreffend sind. Doch wenn entweder das Kind selbst, oder (in frühen Jahren) die Eltern, sich darin wieder erkennen, ist oft schon eine große Erleichterung zu spüren: Man hat das Gefühl, gesehen zu werden und plötzlich ist schwieriges Verhalten kein unüberwindbares Hindernis mehr, sondern ein wichtiger Wegweiser. Falls Sätze wie…

  • Die Stimmungen anderer Menschen beeinflussen mich
  • Kunstvolle Musik bewegt mich tief
  • Starke Reize (Geräusche, Chaos, ‚volle‘ soziale Situationen) stören mich
  • Ich bin ein gewissenhafter Mensch
  • Ich brauche Zeit für mich, um meine ‚Batterien aufzuladen‘

…ein Glöckchen klingeln lassen, dann sei beruhigt im Wissen, dass all diese Eigenschaften ‚nur‘ Wissen über die Struktur eines hochsensiblen Menschen sind. Sie sind ein Leitfaden für Lebensstrategien und eine Anleitung dafür, wie du die Umwelt am besten zum Vorteil deines Kindes gestalten kannst. Um mit den Worten der psychologischen Beraterin und Autorin Britta Karres zu sprechen, ist damit der erste große Schritt getan: Komm raus, ich seh dich!

Haben wir Hochsensibilität erst Mal als Wegweiser erkannt, sehen wir als Eltern nämlich auch, dass ein Kind auf keinen Fall in Watte gepackt werden muss und viel Angst fällt aus dem Alltag. Jetzt können wir über Strategien nachdenken: Wie kann ich mein Kind am besten unterstützen, damit aus diesem Wesenszug alle positiven Aspekte strahlen können?

Hochsensibilität ist keine Entschuldigung für jedes Verhalten.

Auch hochsensible Kinder brauchen Struktur und Grenzen. Grenzen, die sie definieren dürfen und die das Gegenüber akzeptieren soll ("Ich will die Tante nicht auf den Mund küssen") sowie Grenzen von außen, die auch von einem hochsensiblen Kind akzeptiert werden müssen im Bezug auf Disziplin und Struktur.

Es ist kein Grund, das Kind nur in Watte zu packen und mitunter kontraproduktiv, weil das Kind sonst das Gefühl bekommt, es hätte eine Art Behinderung/Einschränkung. Gerade das wollen wir nicht, sondern eine ressourcenorientierte Erziehung ist erstrebenswert. Die Erziehung ist ein wichtiger Faktor, ob das hochsensible Kind sein Temperament und seine Wesenszüge annehmen kann.

Wie kann ich mein hochsensibles Kind unterstützen?

Jede Methode, die das sympathische Nervensystem beruhigt und folglich das parasympathische aktiviert, ist hilfreich. Was im Speziellen am besten ist, hängt vom Alter des Kinder ab und von seinen individuellen Vorlieben. Je nachdem können altersgerechte Übungen wie Fantasie-Reisen, Meditationen, bestimmt Körperübungen und Entspannungsübungen unterstützen.

Auch die Reflexintegration kann hier Gutes bewirken.

Bei den Kleinsten helfen schon Entspannungsmusik und greifbare Dinge wie Kuscheltiere oder Knautschbälle oder Heilmittel wie Aromatherapie oder Dr. Bach Tropfen. Besonders hochsensible Kinder brauchen viel Raum für sich und die Möglichkeit für Pausen und Rückzug. Ein ruhiges Umfeld zu Hause ist wie ein sicherer Hafen!

Generell funktioniert das ‚Bauchgefühl-Prinzip‘ am besten: Probiere gemeinsam mit deinem Kind aus, was funktioniert und euch am liebsten ist. Vertraue bei diesen ersten Experimenten darauf, dass ihr eure richtigen Werkzeuge findet und mach dir keine Gedanken, wenn etwas mal nicht klappt!

Der Kern des Erfolgs liegt meiner Erfahrung nach nämlich gar nicht so sehr in der Lösung selbst, sondern vielmehr darin, dass dein Kind sich unterstützt fühlt und merkt, dass es da draußen auf Verständnis trifft. Das stärkt das Selbstbewusstsein ungemein und es wird jedes Mal etwas einfacher, dass dein Kind diese Unterstützung dann auch in sich selbst finden kann.

Auch wenn es immer wieder unangenehme Situationen geben kann, wenn vielleicht ein Lehrer sagt ‚Jetzt reiß dich doch zusammen, so schlimm ist es doch gar nicht‘ oder Ähnliches, so geben eure persönlichen Werkzeuge einen sicheren Halt und das Vertrauen, dass das eben eine blöde Situation war und der Fehler aber nicht bei deinem sensiblen Kind liegt.

Zu sich selbst zurückzukehren wird einfacher und mit jeder erfolgreich gemeisterten Hürde wächst die Resilienz des Kindes, also die Fähigkeit, wie ein Gummiball zurück zur Ruhe zu springen!

Ist ein Kind allerdings über einen längeren Zeitraum ungeeigneten Alltagsbedingungen ausgesetzt und reagieren die Personen in seinem Umfeld nicht adäquat auf seine hochsensible Veranlagung, kann als Resultat eine Verwechslung mit klinischen Störungsbildern auftreten, da sich die Symptome teilweise überschneiden. Oder es kann sich im ungünstigsten Fall gar eine Störung entwickeln.

Symptome, die man leicht verwechseln kann, sind Unkonzentriertheit, Vergesslichkeit, Erschöpfung, Gefühlsausbrüche, Schlagartiges Bedürfnis nach Ruhe/Rückzug, Selbstwertzweifel, psychosomatische Leiden.

Ebenso gibt es Schnittstellen zwischen Hochsensibilität und zum Beispeil AD(H)S, Autismusspektrumstörung, Hochbegabung, Trauma und wiederkehrenden Ängsten. Wenn du das Gefühl hast, dein Kind bewegt sich im Bereich dieser Schnittstellen, empfehle ich euch professionelle Unterstützung, bei der ihr euch gemeinsam wohl fühlt. Oft bringt eine dritte Person viel Klarheit und Ruhe in die alltägliche Struktur einer Familie und schon ein wenig Hilfe und Beratung bringen ungemeine Erleichterung.

So stärkst du die Resilienz eines hochsensiblen Kindes

Ein Kind braucht in jungen Jahren eine gute Bindungsperson als Co-Regulator. Nur so kann es lernen, seine eigenen Gefühle zu kontrollieren. Um diese Fähigkeit entwickeln zu können, ist es entscheidend, dass das Kind sich samt seiner herausragenden und manchmal übersprudelnden Gefühle oder Gefühlsausbrüche angenommen fühlt.

Es ist so wichtig, einen Zugang zur eigenen Gefühlswelt zu haben und vor allem, sich selbst zu spüren und sich dann mit diesem Gefühl angenommen zu fühlen.

Lernt ein Mensch, dass die eigenen Gefühle dafür verantwortlich sind, von den Mitmenschen abgelehnt zu werden, verliert er die Verbindung zu seiner Gefühlswelt. Er schiebt die eigenen Gefühle bei Seite, um sich dadurch nicht noch schlechter durch die Reaktion von außen zu fühlen.

Eine liebevolle und feinfühlige Begleitung durch die Eltern ist daher essentiell.

Zum Schluss möchte ich also nochmal betonen ...

  • Hochsensibilität ist kein Fehler, sondern eine Chance. Gerade, wenn Eltern sich schon frühzeitig damit beschäftigen, bietet das eine tolle Entwicklungsmöglichkeit für ein Kind.
  • Was andere lange verstecken ‚können‘ und sich erst im Laufe des Lebens zeigt, führt hier dazu, dass dein Kind von klein auf lernt, sich selbst neugierig und mit Liebe zu begegnen und ein Verständnis für das eigene Wesen zu entwickeln.
  • So wächst ein zufriedener Mensch heran, der es versteht, seine Umwelt so zu gestalten, dass er mit ihr in Harmonie leben kann. Und ist es nicht toll, dass wir als Eltern (und ich als Coach!) das begleiten dürfen?

Weiterführende Links | Kleidung ohne Nähte

Ich habe schon mehrfach Eltern kennen gelernt, die einfach total verzweifelt waren, weil es morgens zwei Stunden lang dauert, bis sie das Kind so weit hatten, um endlich aus dem Haus gehen zu können. Da könnte zum Beispiel Kleidung ohne Nähte Erleichterung bringen.

👉🏼 Kleidung ohne Nähte

https://shopthuasne.com/our-brands/smartknitkids

https://www.sensorysmart.co.uk/

https://www.sensorykidstore.com/touch/sensory-clothing/seamless-tagless/

👉🏼 Überblick über verschiedene unterstützende Kleidung:

https://www.taylorbugkisses.com/sensory-friendly-clothing

Weiterführende Literatur

Aron, E. „Das hochsensible Kind“ München, mvg Verlag, 2010.

Abriel, K. "Aber ich kann es doch spüren!" Hochsensibilität als Potential nutzen, 2019.

Karres, B. „Komm raus, ich seh dich!“ Wien, Festland Verlag, 2017.

Leuze, J. „Empfindsam erziehen, Tipps für die ersten 10 Lebensjahre des hochsensiblen Kindes“ Witten, Brockhaus Verlag, 2009.

Schorr, B. „Hochsensibilität Empfindsamkeit leben und verstehen“ Witten, Brockhaus Verlag, 2012.

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Ich bin Silke Krämer.

Kinder- und Jugendcoach Professional, NLP Master und Coach, EMDR Traumatherapeutin und Gymnasiallehrerin

Ich helfe Familien, wenn es Schulstress gibt und daheim die Fetzen fliegen. Außerdem unterstützte ich Mütter und Väter dabei, sich den Herausforderungen des Familienlebens selbstbewusst zu stellen.

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Selbstfürsorge: 5 starke Begleiter

Selbstfürsorge: 5 starke Begleiter

Kirsten Götzinger

11-2022

Innehalten, Reflektion, Besinnlichkeit und innere Einkehr als Selbstfürsorge.

Alle Jahre wieder…

Ich weiß, ich weiß, es fühlt sich immer noch zu früh an, so etwas zu sagen. Doch wir sind wirklich nicht mehr weit von der Weihnachtszeit entfernt und so möchte ich eine Tradition daraus machen, euch einige Gedanken für die bevorstehenden Wochen und das neue Jahr weiterzugeben. Diese sind nämlich voller schöner Momente, wenn man sich nicht von Hektik und Stress anstecken lässt!

Seit einigen Wochen schwebt mir ein Gedanke durch den Kopf: Meine Jungs werden so schnell größer und älter, wachsen im direkten und übertragenen Sinne jeden Tag. Wenn sie mir von ihrem Alltag erzählen, fühle ich mich so oft an meine eigene Kindheit und Jugend zurückerinnert. Wie immer, ist man hinterher schlauer und manchmal wäre es tatsächlich toll gewesen, wenn mein Älteres-Ich mit meinem Jüngeren-Ich hätte sprechen können.

So frage ich mich, was ich meinem Jüngeren Ich gerne sagen würde.

Zeit für Selbstfürsorge: Wenn es irgendwie geht, lasse ich mir in der Vorweihnachtszeit oder zwischen den Jahren gerne bewusst Raum dafür, etwas zu reflektieren und nachzudenken. So oft fallen mir dabei spannende Dinge auf und diese ‚Leuchtturm‘-Momente bringen mich immer wieder zum Staunen und Nachdenken. Ich arbeite dann daran, diese Art von Erkenntnissen in meinen Alltag zu integrieren. Die Veränderungen, die sich daraus ergeben, darf ich erleben und bestaunen.

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Bild von tookapic

Reflektieren als Selbstfürsorge öffnet Raum für neue Wege

Nimm dir doch auch etwas Zeit (und wenn es nur 10 Minuten sind!) und beantworte still und leise für dich selber, mit Stift und Papier, worauf du in diesem Jahr besonders stolz bist und was du deinem Jüngeren Ich gerne sagen würdest!

Vielleicht hilft es dir gedanklich auf die Sprünge, wenn du Monat für Monat durchgehst, indem du deinen Kalender oder deine Handyfotos durchschaust.

Welche Herausforderungen hattest du in welchem Monat zu meistern, von welchen Gefühlen war das Jahr hauptsächlich geprägt, welche Highlights gab es, welche Meilensteine haben deine Kinder erreicht, worauf bist du besonders stolz, was hätte besser laufen können?

Schreiben bringt Klarheit

Schon im letzten Jahr habe ich darüber geschrieben, wie man sich mit einigen Fragen, Stift und Papier toll auf das neue Jahr vorbereiten kann. Lies diesen Beitrag hier gerne auf deinem Weg zur Selbstfürsorge noch einmal nach: »Plane in 5 Schritten dein Jahr im Lebensbereich Familie«

In diesem Jahr lautet mein Brief an mein Jüngeres Ich so:

Liebe Silke,

Ich weiß, dass du sehr stolz sein kannst auf das vergangene Jahr und wie du seine Herausforderungen gemeistert hast. Ich sehe aber auch, dass du es nicht immer fühlen kannst. Du sollst es dir zugestehen dürfen, seine Erfolge zu feiern. Erinnerst du dich noch an früher, als du vor Silvester schon immer deine schönen Jahresrückblicke geschrieben hast?

In der Ruhe liegt die Kraft

So gerne würde ich dir mitgeben, dass du dir ruhig Zeit lassen kannst. An dem Sprichwort ‚In der Ruhe liegt die Kraft‘ ist nämlich was dran. Wenn du unsicher bist, halte inne und spüre in dich rein. Frage dich: ist das in 5 Jahren noch wichtig? In 5 Monaten? 5 Wochen?

Häufig kommen uns alltägliche Entscheidungen viel dringender vor, als sie es eigentlich sind. Und auch die dritte schlechte Schulnote, oder dass du noch nicht weißt, was du studieren sollst, so wie viele andere, sind keine großen Katastrophen. Atme tief durch und vertraue dir selbst, denn du wirst immer deinen Weg finden – auch wenn dieser vielleicht mal nicht geradeaus, sondern durchs Gestrüpp führt und ganz anders verläuft, als erwartet!

Tipp für Eltern: Mach dir keine Sorgen, wenn deinem Kind mal langweilig ist oder es sich beschwert! Das kann bei den Kleinen natürlich einfacher zu ‚trainieren‘ sein als in der Jugend, aber Kinder jeglichen Alters profitieren davon, wenn sie mal auf sich selbst gestellt sind und nicht mit Entertainment oder Schul-Materialien versorgt werden.

Vielleicht könnt ihr wöchentlich eine halbe Stunde oder Stunde einführen, während derer sich die ganze Familie ohne Handys, Tablets usw. am Küchentisch trifft und jeder für sich eine kleine Aktivität macht (Lesen, Malen, …), um Abstand zu gewinnen und den Alltag zu entschleunigen?

Oder ihr baut es bewusst als Adventsritual in den Dezember ein.

Die einzige Konstante ist der Wandel

Außerdem, liebe Silke, möchte ich, dass du dich von dem, was alle anderen machen, nicht so eingeengt fühlst. ‚Sollen‘ und ‚müssen‘ sind zwei ziemlich doofe Erwachsenen-Wörter und ich wünsche mir, dass wir (du damals; ich im kommenden Jahr) diesen Zwang gemeinsam abschütteln!

Du musst keinen Kinderpunsch trinken, wenn dir doch jedes Mal die Nase kribbelt von den ganzen Gewürzen und du kannst auch ruhig ‚Nein Danke‘ sagen, wenn die Lisa dich wieder zum Filme-Abend einlädt, den du nie genießt. Gerade in der Weihnachtszeit merkst du doch, wie viel sich im Vergleich zum Jahr davor geändert hat: Reagiere ruhig auf diese Veränderung und mache dieses Jahr, was dir guttut!

Tipp für Eltern: Gerade in der Weihnachtszeit, wenn alte Freunde und Verwandte aus allen Löchern auftauchen und mit Einladungen winken, kann es schwer sein ‚Nein Danke‘ zu sagen!

Erlaube dir, bewusst zu entscheiden, welche der vielen (wunderbaren!) Traditionen für euch wichtig sind und welche nicht. Der Advents-Spaziergang mit den Großeltern kann beispielsweise Kraft schenken, während wöchentliches Plätzchen-Backen die ganze Küche für Tage ins Chaos stürzt.

Vielleicht reichen auch zwei Plätzchen Sorten, statt sieben?

Team Work Makes The Dream Work

Und zu guter Letzt, mein jüngeres Ich, vergiss nicht, dass du immer um Hilfe bitten kannst! Ich weiß, dass du immer so schnell wie möglich groß und erwachsen und selbstständig sein möchtest. Und von der Heimfahrt mit dem Bus nach dem Training in der 2. Klasse, bis zu deinem ersten Job und selbst verdientem Geld hast du auch bewiesen, dass du auf eigenen Beinen stehen kannst.

Manchmal jedoch ist um Hilfe fragen das Stärkste, was man machen kann. Denke auch heute dran, nicht einfach die Zähne zusammenzubeißen, sondern nach der Unterstützung zu fragen, die du brauchst. Du kannst Unsicherheit ruhig zugeben und wirst dadurch noch viel mehr und viel schneller lernen, als erwartet! Und außerdem noch wunderbare Verbindungen zu tollen Menschen knüpfen, wenn ihr Hand in Hand gemeinsam arbeitet.

Tipp für Eltern: Lass’ dich gerade in den Kindergarten- und frühen Schuljahren nicht davon verunsichern, wenn dein Kind etwas nicht so schnell wie andere kann. Es ist unglaublich schwer, unangenehmen Dingen offen entgegenzutreten und konkret zu formulieren, wobei man Hilfe braucht.

Das wissen wir ja alle – wegschieben ist doch soo viel bequemer! Du musst natürlich keine Gelegenheiten erfinden, in denen du deine Kinder um Hilfe bittest.

Doch manchmal können dir sogar deine Kinder eine Hilfe sein, die du nicht erwartet hättest. Das gemeinsame Gespräch über Geschehnisse, wie du dich als Erwachsener dabei gefühlt hast und wie dein Kind sich in solch einer Situation verhalten würde, bringt ungeahnte empathische Gedanken deiner Kinder zum Vorschein. Und wenn sie noch nicht da sind, dann lassen sie sich so entdecken.

Am besten (und schwersten!) lebst du deinen Kindern das ‚Team Work makes The Dream Work‘ vor und redest offen und ehrlich darüber, wenn du zum Beispiel auf der Arbeit nach Hilfe gefragt und diese angenommen hast.

Und damit wünsche ich dir und deiner Familie eine wunderbare Weihnachtszeit voller neuer Erinnerungen mit deinen Liebsten!

Mache dir ruhig viele Gedanken über die schönen Dinge im Leben und lasse alles, was gut läuft, größer werden – denn dadurch wird der Rest auch kleiner.

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Ich bin Silke Krämer.

Kinder- und Jugendcoach Professional, NLP Master und Coach, EMDR Traumatherapeutin und Gymnasiallehrerin

Ich helfe Familien, wenn es Schulstress gibt und daheim die Fetzen fliegen. Außerdem unterstützte ich Mütter und Väter dabei, sich den Herausforderungen des Familienlebens selbstbewusst zu stellen.

Als Trainerin für Reflexintegration helfe ich deinem Kind, damit ihm die Schule bei Konzentrations­schwächen, Lern- und motorischen Problemen leichter fällt.

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Pokémon Go. Eine Elterninfo. Mein Versuch in die Welt meiner Kinder einzutauchen.

Pokémon Go. Eine Elterninfo. Mein Versuch in die Welt meiner Kinder einzutauchen.

Kirsten Götzinger

09-2022

Pokémon Go. Eine Elterninfo.

Der Tag endete sehr erfreulich und noch freudiger begann der heutige. Direkt nach dem Aufstehen konnte ich meinem fünfjährigen Sohn stolz von meinem gestrigen Fang berichten: Ein 2000er Glurak mit Partyhütchen!

Er war begeistert und wiederholte mit seiner goldigen fünfjährigen Stimme lachend: Ein Glurak mit P-a-r-t-y-h-ü-t-c-h-e-n?!

Glurak mit Partyhütchen ist ein Event-Pokémon. Es gibt auch einen shiny Pikachu mit einer Torte auf dem Kopf. Beide sind sehr süß.

Wir lachten gemeinsam.

Gemeinsam mit ihm zu Lachen ist das Schönste. Lachen verbindet.

Dafür hatte sich alles gelohnt!

Pokemon Go. Eine Elterninfo. 2 Jungen schauen gespannt auf ihr Smartphone. Sie spielen Pokémon Go. Mutter und Sohn lachend Arm in Arm.

Bild von Tammy Cuff

Mein Versuch

Meine drei Jungs sind im Pokémon-Sammelkarten Fieber. Auch der Fünfjährige hat von seinen Brüdern Pokémon Karten, die er hingebungsvoll in sein Album den Punkten nach aufsteigend einordnet. Er weiß inzwischen genau, welcher Wert niedriger und welcher höher ist. Seine künftige Lehrerin wird sich über sein Zahlenverständnis freuen.

Die größeren Jungs (zehn und zwölf) spielen digital gerne Minecraft und Pokémon Go. Leider haben sie so strenge Eltern, die ihnen nur minimale Spielzeiten gönnen.

Um nicht immer nur die motzende und reglementierende nervige Mama zu sein, wollte ich mehr Verständnis aufbringen können.

Verständnis entsteht, indem man etwas ‚versteht‘. Um meine Kinder besser verstehen zu können, musste ich in ihre Welt eintauchen. Ich wollte das Was und Warum ihrer Begeisterung verstehen.

Ich erinnere mich an meine Kindheit. Meine Eltern schienen nicht wirklich Ahnung von den Dingen zu haben, mit denen ich mir meine Zeit vertrieb und sich nicht sonderlich dafür zu interessieren. Keinesfalls teilten sie meine Begeisterung - und ich weitestgehend nicht ihre. Das ist schade, denn es schaffte Distanz. Bestünde dieser Zustand in einer Partnerschaft, würden wohl beide über ihre Beziehung sagen: „wir haben uns entfremdet“. Gegenseitiges Verständnis ist wichtig für eine wertschätzende Beziehung auf Augenhöhe.

Wir Erwachsenen dürfen nicht immer nur verlangen, dass sich die Kinder auf uns einlassen - auch wir müssen uns einlassen.
Leider sind wir häufig entweder zu kopflos oder zu bequem für einen Perspektivenwechsel, weil wir in unseren alltäglichen Aufgaben gefangen sind.

Folglich unterstellen wir, dass das, womit wir unsere Zeit verbringen, was uns fasziniert und begeistert, was wir interessant finden, das Non plus Ultra sei. Möglicherweise sind wir sogar der Auffassung, es gehöre zur Allgemeinbildung dazu.

Doch wer legt sie fest? Mit jemandem aus der eigenen Generation, der den Spruch mit der Wassermelone nicht kennt oder nie Pamela Anderson im roten Badeanzug den Strand entlang rennen gesehen hat, wird man nicht gemeinsam darüber lachen können.

Mit jemandem, den meine Kinder später auf einer Party treffen und von den Dingen, die zu ihrer Kindheit und Jugend „in“ waren, keine Ahnung hat, werden sie kein verbindendes Gespräch beginnen können, das in etwa so lauten könnte: „Hey, kennst du noch die Pokémon Karten? Hast du die auch gesammelt? Und erinnerst du dich an Pokémon Go, da konnte man Letarking eine richtig gute neue Attacke beibringen. Hattest du die auch?“

Gemeinsamkeiten verbinden.

Sie liefern Gesprächsstoff.

Das seit Kurzem auch mir und meinen Kindern - Ich kann mitreden!

Alles begann mit einem Klick.

In den letzten Ferien kam mir spontan die Idee, Pokémon Go runterzuladen.

Zum einen wollte ich mich bezüglich der Bedenkenlosigkeit dieses Spiels vergewissern und zum anderen eine Gemeinsamkeit mit meinen Kindern herstellen, die ihnen Spaß macht.

Du musst nicht glauben, ich wäre ein Computerfreak und fit in solchen Dingen oder fühlte mich gar zu Computerspielen hingezogen. Nein, mich überfordert schon die Bedienung eines einfachen Joysticks, die Musik im Hintergrund macht mich kirre und meist ist das Spiel schon verloren, bis ich kapiert habe, wie es funktioniert.

Nun saß ich da mit Pokémon Go auf meinem Handy.

Ich war die Ahnungslose - meine Jungs die Chefs.

Und du glaubst gar nicht, wie viele Fragen ich hatte, die ich alle an meine Kinder richten konnte. Sie standen mir Rede und Antwort und halfen mir, mich in die Welt dieses digitalen Spiels zurechtzufinden.

Das war irgendwie cool. Normalerweise war ich diejenige, die ihnen erklärt, wie die Welt funktioniert. Jetzt war es umgekehrt.

Es war etwas entstanden, das uns jede Menge Gesprächsstoff bot. Wir diskutierten über Spielstrategien, über besondere Features, über die Stärke einzelner Pokémon und tauschten sie miteinander aus. Sie rieten mir, ins selbe Team zu gehen wie sie, damit wir gemeinsam kämpfen konnten. So besiegten wir in Italien gemeinsam eine Arena und setzten unsere Pokémon hinein. Sie kamen erst Wochen nach unserer Rückkehr aus dem Italien Urlaub zu uns zurück.

Als ich die Chance hatte, meinen ersten Relaxo zu fangen, bibberten wir gemeinsam vor meinem Handy, ob er im Ball bleiben würde. Nach vielen Würfen blieb er - und wir jubelten gemeinsam. Mein Mann war irritiert. Klar! Er war nicht Teil der Konspiration und hatte sich bezüglich dieses Themas unfreiwillig ins Abseits begeben.

So schnell geht das.

Auch unter Kindern.

Wie ging es weiter?

Schon bald hatte ich das gleiche Level erreicht wie mein mittlerer Sohn und war knapp unter dem meines Ältesten. Ein spielerischer Ehrgeiz war in mir entfacht worden: Ich wollte mehr Sternenstaub, mehr Belohnungen, bessere Pokémon, ein höheres Level erreichen, mehr Bonbons, und Pokémon weiterentwickeln, um dann noch besser zu werden. Um das zu erreichen, musste ich mich auch außer Haus an anderen Orten auf die Suche nach Pokémon machen und natürlich immer wieder zwischendurch.

Zwischendurch „mal schnell“ das Spiel zu öffnen war sowieso eine feine Ablenkung, die mir immer eine Belohnung bereithielt.

Ich könnte kurz mal schauen, ob ich noch schnell ein Pokémon fangen kann … ach ja, und dann noch checken, ob es sich weiter entwickeln lässt und mit wie vielen Sternen es bewertet ist. Ach, und Team Rocket ist ja auch gerade da. Wenn ich noch einen kurzen Kampf mache, kann ich Sternenstaub gewinnen. Den brauche ich, um Pokémon weiterzuentwickeln. Außerdem könnte ich dann vielleicht noch eine Aufgabe erledigen, um eine weitere Belohnung zu bekommen - Konzentriert an diesem Blogartikel zu schreiben war zu einer anstrengenden Herausforderung geworden.

Denn mal ehrlich, was bekomme ich von dir, liebe Leserin, was sich gut anfühlt für das Schreiben meines Artikels? … Was bekommt ein Schüler, wenn er seine Mathe Hausaufgaben erledigt hat? Wahrscheinlich nicht mal ein Lob seines Lehrers. Auf jeden Fall keinen Sternenstaub und wenn es dumm läuft, trotzdem eine schlechte Note in der Klassenarbeit. Da muss das Gehirn nicht lange überlegen, wofür es sich entscheidet!

Ein Pokemon wird in freier Wildbahn mit dem Smartphone gefangen.

Bild von Tumisu

Pokémon Go. Eine Elterninfo.

Hat sich mein Experiment gelohnt?

Im Hinblick auf die Beziehung zu meinen Kindern hat es sich sehr gelohnt. Wir hatten jede Menge Spaß miteinander und mit Pokémon Go.

Ich habe erfahren, wie das Spiel funktioniert und bin unbesorgt, weil die Kämpfe graphisch harmlos dargestellt werden. Es fließt kein Blut. Die verfügbaren Attacken heißen Matschbombe, Nassschweif, Drachenklaue, Steinkante, Knuddler oder gar Gähner.

Die Altersfreigabe variiert von 9+ im Apple und Google Play Store über PEGI 7+ bis „für alle Altersgruppen“ im Galaxy Store, weil Fantasy Charaktere dennoch Schaden erleiden.

Ein Teil des Spieles ist es, sich mit dem Handy zu bewegen. Das kann für Kinder mit mobilen Daten gefährlich werden, weil sie dadurch vom Straßenverkehr abgelenkt sein könnten. Hat das Kind eine Prepaid Karte oder ein begrenztes Datenvolumen, könnte es schnell aufgebraucht sein oder teuer werden.

Leider bietet auch dieses Spiel die Möglichkeit zu In-App Käufen. Um das zu vermeiden, kann man die Kindersicherung für Pokémon Go aktivieren.

 

Außerdem habe ich am eigenen Leib erfahren, wie es sich anfühlt, wenn die Schokoladentorte ständig vor mir steht. Die Versuchung, ein Stückchen zu nehmen, ist riesengroß - selbst, wenn das Handy im Flugmodus während konzentrierter Arbeitsphasen neben mir liegt.

Das hat mich in meiner bisherigen Handhabung im Bezug auf die Medienzeit meiner Kinder bestärkt: Sie muss eingeschränkt bleiben!

 

Die ständige Verlockung ist schrecklich und erfordert ein hohes Maß an Selbstdisziplin. Die Belohnungen, die sich die Spieleentwickler ausgedacht haben, führen in die Sucht.

Es kam schon vor, dass ich beim Spielen „erwischt“ wurde und einer meiner Jungs sagte: „Ah, Mama, bist du am Suchten!“. Das ist natürlich oberpeinlich und ich fühlte mich so richtig ertappt. Natürlich wollte ich das vertuschen und mir lag schon eine Ausrede auf den Lippen… Schwuppdiwupps war es passiert und ich war versucht zu schwindeln. Grausam!

Was habe ich aus meinem Versuch gelernt?

Ich möchte meine Kinder davor schützen, sich in der Situation wieder zu finden, mich und meinen Mann belügen zu ‚müssen‘. Und ich möchte sie davor schützen, ständig dieser Verlockung ausgesetzt zu sein. Das geht leider nur, indem ich als Erwachsene in diesem Punkt die Verantwortung übernehme und zur Not den Groll auf mich ziehe. Ja, sie sollen spielen und ihren Spaß dabei haben, aber nicht immer und zu jeder Zeit.

Mit meinem Anspruch an mich, eine verantwortungsvolle und fürsorgliche Mama zu sein, muss ich zu meinem NEIN aus Liebe stehen. Auch, wenn sich das oft hart anfühlt und ich mich Diskussionen stellen muss.

Natürlich sollen Kinder lernen, dieser Verlockung zu widerstehen. Das ist jedoch eine Frage des Alters. Wenn das Gehirn schon im Kindergarten- oder Grundschulalter auf das einfache Belohnungsprinzip konditioniert wurde, fehlt der Gegenpol. Dem Kind, bzw. seinem Gehirn wurde nie in ausreichendem Maße die Chance gegeben das Gefühl zu erlernen, etwas aus einer realen Anstrengung heraus geleistet zu haben. Es war ja alles immer so bequem und fühlte sich so gut an. Möglicherweise bekam es auch sonst noch viele Hindernisse von Mama oder Papa aus dem Weg geräumt.

Warum sollte ein Kind mit Schuleintritt das ändern wollen? Woher soll die erforderliche Anstrengungsbereitschaft kommen und die „Freude am Lernen“, wenn sich das so richtig anstrengend anfühlt? Welchen Sinn soll es darin erkennen? Nur, weil alle Erwachsenen sagen, „du lernst doch für dich und dein späteres Leben“?

Menschliches Handeln wird überwiegend durch Emotionen motiviert. Nur die wenigsten entscheiden sich für ein Auto aus reiner Vernunft. Die meisten kaufen das Auto, weil sie es schön finden, sie sich mit der Marke identifizieren oder es einen gewissen Status symbolisiert. Oder sie kaufen das E-Auto, weil sie sich dann verantwortungsvoll, ökologisch oder fortschrittlich fühlen und ihr schlechtes Gewissen damit beruhigt haben. Das sind emotionale Gründe. Rationale Argumente helfen nur selten, wenn es um Motivation geht.

Wie handle ich verantwortungsvoll?

  • Ich möchte meinen Kindern eine Begrenzung geben und unterbinde während der Hausaufgabenzeit den freien Spielzugang. Die Verlockung ist viel zu groß. Das habe ich am eigenen Leib erfahren. 
  • Bei täglichem Spiel denken Kinder jeden Tag daran und sind täglich der Versuchung ausgesetzt. Also sehe ich mich vor der Frage, ob es besser ist, meine Kinder täglich ein bisschen spielen zu lassen oder lieber seltener und dafür ein bisschen länger?
  • Ich schränke die Spielzeit mindestens eine Stunde vor der erwünschten Schlafenszeit ein. Besser sind eineinhalb Stunden. Müde Kinder sind nicht aufnahme- und konzentrationsfähig. Da hilft dann auch kein Konzentrationstraining.
  • Ballerspiele und Egoshooter dulde ich nicht unter meinem Dach. Punkt. Egal, wer das sonst spielt. Es entspricht nicht meiner Wertevorstellung.

Wie geht es weiter mit meinem Pokémon Account?

Das ist eine gute Frage. Eigentlich sollte ich Pokémon Go nun auf meinem Handy löschen, weil mein Experiment beendet ist.

Das schaffe ich allerdings nicht, weil ich so viele tolle Pokémon in meinem Beutel habe.

Also hoffe ich einfach darauf, dass meine verantwortungsbewussten Eltern mir meine Zeit sinnvoll begrenzen, sodass ich weiterhin Spaß mit dem Spiel haben kann und dennoch meine Arbeit darunter nicht leidet 😉

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Ich bin Silke Krämer.

Kinder- und Jugendcoach Professional, NLP Master und Coach, EMDR Traumatherapeutin und Gymnasiallehrerin

Ich helfe Familien, wenn es Schulstress gibt und daheim die Fetzen fliegen. Außerdem unterstützte ich Mütter und Väter dabei, sich den Herausforderungen des Familienlebens selbstbewusst zu stellen.

Als Trainerin für Reflexintegration helfe ich deinem Kind, damit ihm die Schule bei Konzentrations­schwächen, Lern- und motorischen Problemen leichter fällt.

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